Do

31

Okt

2013

#11

Alles hat ein Ende ... leider auch unser "Radreisli". Hier der letzte Bericht "Grosses Finale ... pünktlich zur Rush Hour in Hong Kong".

mehr lesen

Di

08

Okt

2013

#10

Und endlich gibt's wieder was auf die Augen: "Goldener Herbst ... mit kleineren Turbulenzen" ist voraussichtlich unser zweitletzter Bericht. Ja, Hong Kong und damit das Ende unseres Radabenteuers rückt unaufhaltsam näher. Wir geben weiterhin Vollgas!

mehr lesen

Di

17

Sep

2013

#9

Für einmal lassen wir Dich nicht all zu lange zappeln! Hier bereits der nächste Reisebericht von den glücklichen China-Stramplern: "Buntes Osttibet ... wird umgekrempelt." 

mehr lesen

Derge (China), 05. September 2013

Baustellen … Tsampa und Buttertee

Chinesische (Strassen-) Baustellen verbreiten unter Radreisenden Angst und Schrecken. Wer einmal „in den Schlund“ einer solchen gerät, wird so schnell nicht wieder ausgespuckt! Aus welchen Gründen diese anarchischen Bestien sonst noch gefürchtet sind und was wir im abgelegenen (ost-) tibetischen Hochland alles erleben durften, erfährst Du in unserem achten Reisebericht.

 

Mit unseren "Fans" aus Golmud beim BBQ.
Mit unseren "Fans" aus Golmud beim BBQ.

Während bisher in einer Stadt das Begrüssungskomitee primär aus Poliz- und Militar-isten ;-) bestand, sind wir mit Golmud zurück auf der Glücksstrasse: Die vereinzelt vorbeirauschenden Ordnungshüter juckt unsere Anwesenheit nicht im Geringsten. Dieses mal werden wir von engagierten Ingenieurstudenten tatkräftig bei der Hotelsuche unterstützt. Doch damit nicht genug: Sie gehen regelrecht in ihrer neuen Rolle als Touristen-Animateusen ;-) auf und laden uns kurzerhand zur Stadtbesichtigung samt üppigem Abendessen ein – jeder Zahlungsversuch unsererseits wird gekonnt vom „Studi mit der dicken Geldbörse“ abgeblockt ...

 

Striiiiiiike! Wir haben „unser“ entspanntes China zurück! Die leidgeplagten Polizei-Eskapaden in der Provinz Xinjiang sind vergessen und vergeben.

 

Schier endlose Steppenlandschaft Amdo's.
Schier endlose Steppenlandschaft Amdo's.

Golmud wird im Lonely Planet als „total ab vom Schuss“ kategorisiert – wir sind da ganz anderer Meinung! Die aufstrebende Stadt mit ihren ca. 300‘000 Einwohnern hat ihren ganz eigenen Charme; vor allem aber ist sie unser Tor zum (ost-) tibetischen Hochland. Wenn man die chinesische Geschäftigkeit und die Rumwuselei mal ausblendet, sieht man sie denn auch auf einmal: Tibeter, die (meist) mit ihren Motorrädern in die Stadt flitzen, um sich mit dem Nötigsten einzudecken. Die fröhlichen Leutchen in ihrer (ost-) tibetischen Heimat zu besuchen, lässt unsere kurzzeitig abhanden gekommene Motivation zurückkehren. Wir machen uns deshalb bereits nach einem Ruhetag auf in Richtung des 800 km entfernten Yushu.

 

Viadukt der Beijing - Lhasa Eisenbahn.
Viadukt der Beijing - Lhasa Eisenbahn.

Die ersten 190 km radeln wir entlang des Qinghai - Tibet Highways S109, welcher einer der vier Hauptverbindungen nach Lhasa darstellt. Auf der zweitägigen Etappe hoch zum 4‘800 m ü. M. gelegenen Kunlun-Pass kommen uns scharenweise chinesischer Radlergenossen von Lhasa her entgegen: Einige sind noch taufrisch und richtig gesprächig (manche texten uns sogar auf Englisch zu!?!); der Grossteil ist aber „wirklich massiv auf den Stümpen“ und derart von den Strapazen gezeichnet, dass die Kraft nicht mal mehr für ‘n gehauchtes „Ni hau!“ reicht. … tja, wären sie bloss nicht so verschwenderisch mit ihren Sauerstoff-Büchsen umgegangen. :-) Dass wir NICHT nach Lhasa, sondern nach Yushu wollen, versteht hier niemand. Es scheint, dass Lhasa für manch einen Chinesen DIE Stadt der Städte ist und’s zum guten Ton gehört, dort mal vor dem „erstürmten“ Potala-Palast posiert zu haben … Besagte Strecke ist aber noch aus einem ganz anderen Grund „weltberühmt“: Hier schlängelt sich die legendäre „Beijing - Lhasa Eisenbahn“ auf ingenieurmässig abenteuerliche Weise zum weltweit höchstgelegenen Eisenbahnpass, dem Tanggula-Pass (5‘072 m ü. M.), rauf. Begeistert verfolgen wir die dröhnenden Dieselloks, wie sie ihre Last den Hügel hoch befördern. … leider machen sie das auch des Nachts, weshalb sich unser windgeschützter Zeltplatz hinter einem Brückenpfeiler bald einmal als Flop erster Güte rausstellt. :-)

 

Hoppla: Doch noch ein paar "Flabs" erwischt.
Hoppla: Doch noch ein paar "Flabs" erwischt.

Kurz vor der Passhöhe erleben wir auf einem ausgedehnten Plateau unser „grünes Wunder“: Nett drapiert findet sich hier alles an militärischem Kriegsmaterial, was das „Reich der Aufputzleitungen und -rohre“ zu bieten hat. Zig Flab-Geschütze, Radarstationen, Funkeinrichtungen, hunderte Truppentransporter, Panzerübungsplatz, Militär-LKW-Fahrschule und Zeltstädte, dass „einem ugs. gesprochen fast trümmlig“ wird. Und das, ohne Kohl (nicht der Deutsche Alt-Bundeskanzler, sondern das Gemüse), fein säuberlich aufgestellt und auf eine Strecke von 10 km verteilt!? Ueli Maurer käme hier wohl ins Hyperventilieren: Nicht wegen der Höhe, sondern weil die Chinesen hier schnell mal das ganze Schweizer Armeematerial aufgefahren haben – ohne ersichtlichen Grund, einfach so zum ‘n bisschen angeben. Hut ab! Zugegeben: Etwas mulmig ist uns bei so viel Militärpräsenz dann doch. Sicherheitshalber lassen wir mal den Fotoapparat schön im Holster stecken. Erinnert uns das nicht an …? Und schon spricht uns ‘n Wachsoldat (das ist einer, der gerade nicht schläft) an. Zu unserer Verblüffung spricht er in sauberstem Englisch und erklärt uns, dass sie hier unter anderem eine Sani-Kompanie hätten, die sich um das Wohl von Touristen kümmere. Ob wir gerne ihre Dienste beanspruchen möchten … ?!? Während Andreas an eine wohltuende Fussmassage und ’n heisses Schaumbad denkt, winkt Anita bereits ab: Der Pass ruft!

 

Bye bye Asphalt.
Bye bye Asphalt.

Kurz hinter Budongqian verlassen wir die asphaltierte Strasse (Golmud - Lhasa) und tauschen diese gegen eine wunderbar wellblechige Staubpiste ein. Damit haben wir definitiv die Region Amdo erreicht: Endlose Graslandschaften – zuerst ziemlich flach, dann immer hügeliger. „Zivilisation“ sucht man hier vergebens: 312 Kilometer bis Qumalai einfach nichts ausser vereinzelten Yakherden und Nomadenzelte. Überholt werden wir praktisch nur noch von verblüfft dreinschauenden oder strahlend winkenden Nomaden auf ihren mit Stereoanlagen „gepimpten“ Motorrädern. Wir platzen vor Freude!

 

Träumerischer Himmel über der tibetischen Region Amdo.
Träumerischer Himmel über der tibetischen Region Amdo.
Geile "Kühlerfigur" für unsere Fahrräder.
Geile "Kühlerfigur" für unsere Fahrräder.

Nach sechs anstrengenden Radtagen bei massivem Gegenwind erreichen wir endlich Qumalai. Hier finden wir zu unserer Überraschung sogar ein ganz ordentliches Hotel – Strom und heisses Wasser gibt’s zwar nicht, dafür überreicht uns der rotzlümmlige Hoteldirektor-Sohn stolz eine gut gelagerte Kerze … :-) Qumalai stellt sich als witziges „Wild-West-Tibeter-Dorf“ heraus: Der chinesische Einfluss macht sich (vorderhand noch) minimal bemerkbar, dafür pulsiert das tibetische Leben umso mehr. Auf unserer Erkundungstour durch das Dorf finden wir schnell den zentralen Platz, wo sich die Tibeter die Zeit mit Billardspielen „totschlagen“. Wir lungern etwas rum und schmunzeln über die teilweise miserablen :-) Ballkünste. Als ob die Tibeter unsere Gedanken (von wegen „miserable Spielkünste“) lesen können, werden wir – pardon, wird Anita – zum Duell aufgefordert. Andreas wird zum Zuschauen verdammt; gegen ihn anzutreten war den jungen Wilden wohl ’ne zu heisse Nummer. Die Szene hättest Du erleben müssen: Mit einem Mal werden sämtliche anderen Spiele unterbrochen und es bildet sich eine ansehnliche Menschentraube; alle wollen das Duell mit der exotisch-blonden Europäerin verfolgen. Leider stellt sich schnell heraus, dass Anita’s Spielkünste – trotz Andreas‘ Profi-Tipps – nicht einfach nur miserabel, sondern himmelschreiend mies sind. Sie verliert denn (aus tibetischer Sicht erwartungsgemäss) auch hochaus; doch für ’ne geladene Portion Action hat sie auf alle Fälle wieder einmal gesorgt.

 

Dorfidylle mit Kloster im Hintergrund.
Dorfidylle mit Kloster im Hintergrund.

Unerwartet spricht uns nach dem Duell ein Tibeter in Englisch an. Oscar, so heisst er, hat in Shanghai Englisch studiert und sich zum Lehrer ausbilden lassen. Er leitet nun die Schule hier in Qumalai, welche von 200 (Nomaden-) Kinder der ganzen Region besucht wird. Wie die Uiguren beklagen sich auch manche Tibeter über das wirtschaftliche Ungleichgewicht zwischen ihnen und den Han-Chinesen. Oscar ist der Auffassung, dass dies hausgemacht sei: Die schulische Qualität in den abgelegenen Regionen sei mangels gut ausgebildeter Lehrkräfte oft schlecht. So lernen die Jungen nicht ausreichend chinesisch, was jedoch für den Sprung an die Universität und für die berufliche Karriere essentiell wäre. Auch gäbe es immer noch einige Nomadeneltern, die ihren Kindern den Schulunterricht ganz verwehren. Aus diesem Grund unternimmt Oscar immer mal wieder „Streifzüge“ in die total abgelegenen Gebiete und versucht die Eltern von der Wichtigkeit schulischer Ausbildung für ihre Kinder zu überzeugen. Auch spielt er mit seinem Motorrad „Taxi“, um die Kinder für die Schulferien in die Berge zurückzufahren. … ein richtiger Robin Hood – solch engagierte Menschen braucht das Land!

 

Am nächsten Morgen radeln wir zum Dorf raus und geradewegs in eine riesige Strassenbaustelle hinein. „Tut das Not; muss das jetzt wirklich sein?“, schreien wir ins Universum hinaus. Wie wir herausfinden, wird in den kommenden vier bis fünf Jahren der Strassenabschnitt von Yushu bis Budongqian (läppische 620 km) total ausgebaut und asphaltiert. Die S308 soll ein weiteres chinesisches Strassenbauwunder werden – mit Brücken, Tunnels, imposanten Viadukten und dem kompletten Firlefanz! … für uns bedeutet dies jedoch erfahrungsgemäss nichts Gutes: Bagger, Lastwagen, Kipper, wild hupende Autofahrer, holprige Dreckpisten, Staub / Matsch, Umleitungen, Blockaden und vor allem *trommelwirbel* … jede Menge blutrünstiger Baustellenhunde, die in den wenigsten Fällen angekettet sind! *seufz* Ganz so knüppeldick kommt’s dann aber doch nicht: Glücklicherweise stecken die Arbeiten nämlich grösstenteils noch in der Vorbereitungsphase und die „alte Strasse“ ist bis auf wenige Kilometer nach wie vor „gut zu befahren“.

 

Chinesische Strassenbaukunst:

Alpabfahrt auf Tibetisch.
Alpabfahrt auf Tibetisch.

Für wen die neue Hochland-Autobahn gedacht ist, erschliesst sich uns nicht wirklich – die Handvoll Töff fahrender Nomaden, die wir täglich zwischen Budongqian und Qumalai angetroffen haben, werden sich aber mit Sicherheit über ihre neue Rennstrecke freuen … Kaum haben wir uns einmal mehr etwas zynisch über die chinesische „Bauwut“ geäussert, realisieren wir, dass sie der lokalen Bevölkerung doch von Nutzen sein könnte: Während wir 2010 den Eindruck hatten, dass Autos für die Tibeter dieser abgelegenen Region absolut unerschwinglich sind, entdecken wir nun vor jedem zweiten Haus einen vierrädrigen fahrbaren Untersatz. Irgendwie schon ironisch: Strom und fliessend Wasser sind immer noch eine Seltenheit – gekocht und geheizt wird weiterhin traditionell mit dem sonnengetrockneten Yakmist, der täglich eingesammelt wird. … aber Hauptsache man ist stolzer Besitzer eines Autos. Wir sind beruhigt und zuversichtlich, dass der „kleine Wohlstand“ offensichtlich auch den Weg in die tibetischen Vorhöfe gefunden hat bzw. noch finden wird.

 

Frühstück: Vom Chef persönlich serviert.
Frühstück: Vom Chef persönlich serviert.

Das Aufspüren eines sichtgeschützten Übernachtungsplatz wird nach Qumalai in der baumlosen Landschaft aufgrund der zahlreicheren tibetischen Häuser und Nomadenzelte sowie aufgrund der alle paar Kilometer errichteten chinesischen Baustellen-Zeltdörfer immer schwieriger. Da wir tagsüber die Strassenbauarbeiter als super freundliche Menschen erleben, überwinden wir uns, diese zu fragen, ob wir unser Zelt neben ihrem Zeltdorf aufstellen dürfen. Volltreffer: Die chinesischen Strassenarbeiter empfangen uns äusserst herzlich und sind sehr um unser Wohl besorgt. … am nächsten Morgen serviert uns der Baustellen-Strecken-Abschnitts-Chef *wow-was-für-n-wort* (mit freundlicher Unterstützung seiner Küchencrew, versteht sich) sogar ein reichhaltiges Frühstück ans Bett: trockene Militärbiscuits und leckeren „Kloaken-Tee“! ;-)

 

Für witzige und kurzweilige Pausen ist nach Qumalai auch gesorgt: Jedes zweite Auto, das uns überholt oder entgegenkommt, hält jeweils abrupt vor uns an: („Justin-Biber-/Tokio-Hotel-“)Tibeter jeden Alters steigen aus und quälen ihre Smartphonespeicher, indem sie zig Fotos von uns machen. :-) Anfänglich posieren wir noch ohne Gegenleistung, obschon Andreas bereits vom grossen Geldsegen träumt … als Anita die glorreiche Idee kommt, jeweils auch ein Foto mit unserem Fotoapparat schiessen zu lassen. Du kannst Dir vorstellen, dass die Auslöser mitunter heisser liefen als unsere Tretlager! Hier die entsprechende Bilderstrecke dazu:

Tibetische Smartphonespeicher-Quäler:

Strahlender Rentner auf Schutthaufen.
Strahlender Rentner auf Schutthaufen.

Yushu – eine Stadt, die uns nun seit über vier Jahren in den Köpfen rumgeistert: Bereits auf unserer Reise 2010 wollten wir nach Yushu radeln, doch aufgrund des verheerenden Erdbebens im Frühling änderten wir damals gezwungenermassen noch schnell die Route. Nun sind wir gespannt, wie sich die vor drei Jahren total zerstörte Stadt erholt hat. … beim Erreichen des Vorortes ist uns schon etwas flau in der Magengegend. Als wir dann all die wackligen Baracken, Zelte und vor allem die riesigen Schuttberge der zerstörten Gebäude sehen, schnürt’s uns regelrecht die Kehle zu. Wir finden uns bereits damit ab, dass hier immer noch der Ausnahmezustand herrscht und wir besser nicht hierhergekommen wären. Wir holpern traurig und entmutigt durch die vermeintlichen Überbleibsel des einst so stolzen Yushu, als auf einmal eine geteerte Strasse und neue Gebäude in Sichtweite rücken. Langsam dämmert’s uns: Das war lediglich das heruntergekommene Industriequartier! (… trotzdem läuft’s uns jedes Mal wieder eiskalt den Rücken runter, wenn wir an die riesigen zusammengetragenen Schuttberge denken). Alles hätten wir erwartet nur nicht das, was wir dann da ein paar Kilometer weiter östlich vorfinden: Mit Hochdruck treiben die Chinesen den Wiederaufbau voran. Yushu entwickelt sich zu einem „wunderschönen“ kunstvoll künstlichen chinesischen Retorten-Chamonix! Noch fehlt der Stadt zwar jeglicher Charme und jegliches Leben, aber wenn noch ein paar Tausend zusätzliche Han-Chinesen übersiedeln – und das scheint der Plan zu sein, so viele leere Apartmentblöcke, wie momentan rumstehen – wird das ’n ziemlich quirlig lebendiger Flecken hier oben! Man darf also weiterhin gespannt sein.

 

Hoteltechnisch haben wir in Yushu wieder einmal einen Glücksgriff getan: Das neu eröffnete Hotel gehört einem Tibeter, dessen Sohn vor sieben Jahren in die Schweiz geflohen ist und mittlerweile über einen roten Pass mit weissem Kreuz verfügt. Wie der Zufall so will, ist er (mit seiner ebenfalls aus Tibet in die Schweiz geflohenen Frau) gerade auf Besuch und heisst uns in hervorragendem Deutsch herzlich willkommen in seiner Heimat ... Wir diskutieren lange über die „armen“ Tibeter, welche von den „bösen“ Han-Chinesen unterdrückt werden und über den Wiederaufbau Yushus. Fazit: Wie bei der Uiguren/Han-Chinesen-Konstellation darf auch hier keinesfalls schwarz-weiss gemalt werden! Wir sind uns sicher, dass der Wiederaufbau ohne die Han-Chinesische Unterstützung (Know-how und finanzieller Natur) nie so schnell vonstattengegangen wäre und der tibetische Lebensstandard nie und nimmer derart hoch wäre. Wir haben viele junge Tibeter getroffen, dessen oberstes Ziel ein westlich geprägter „Life Style“ ist – und genau das bekommen sie dank den Chinesen; Mittel zum Zweck quasi. Als wir im Gespräch mit den „schweizerischen Tibeter“ fragen, ob sie ihre Flucht in die Schweiz angesichts der aktuellen Entwicklung in Ost-Tibet und den wirtschaftlichen Möglichkeiten, die sich ihnen nun beispielsweise in Yushu bieten würden, bereuen, zögern sie mit der Antwort. Ja, sie haben Heimweh und würden gerne in Yushu bleiben … das jedoch haben sie sich durch ihre Flucht, welche beide als jugendliches Abenteuer beschreiben, verbaut. *hmm*

 

Yushu - Wie Phönix aus der Asche auferstanden:

Strassenbaustelle - zum Glück trocken.
Strassenbaustelle - zum Glück trocken.

Bereits am nächsten Tag brechen wir zur nächsten knapp 500 Kilometer langen Etappe nach Derge auf. Wir hoffen, die (Strassen-) Baustellen mit der S308 und Yushu nun überstanden zu haben … doch weit gefehlt: Auch die S214, S217 sowie die S317 welche wir in den kommenden acht Tagen befahren, sind riesige Baustellen – und diesmal stecken die Arbeiten nicht in den Kinderschuhen, sondern sind in vollem Gange. Doof, dass in China nicht wie in der Schweiz mal auf vielleicht 20 km gebaut wird; hier legen die Bauwütigen immer gleich auf mehreren hundert Kilometern los – gleichzeitig! Hinter dieser Vorgehensweise erkennen wir kein wirkliches Schema und so können wir uns des Eindrucks nicht erwehren, dass einfach jeder mal irgendwie drauflos buddelt. Damit’s richtig offiziell und wichtig wirkt, braucht’s pro arbeitende Person mindestens zwei „Aufpasser / Kontrolleure“… vielleicht zu Recht: Eine über 500 km lange Baustelle zu koordinieren, scheint uns in der Tat eine ausserordentlich anspruchsvolle Aufgabe zu sein! Item. Diese unablässige Bauerei fordert uns jedenfalls physisch und psychisch ziemlich heraus; aber alles machbar, wenn es nur mal nicht zu regnen beginnt ...

 

Tempel mit Gebetsmühlen ausserhalb Yushu.
Tempel mit Gebetsmühlen ausserhalb Yushu.

Fünf Kilometer ausserhalb Yushu befindet sich die weltgrösste Manisteinmauer (Manisteine sind Steine, in die gläubige Buddhisten Mantras/Gebete gespitzt haben). Über zwei Milliarden Steine sind hier auf hunderten von Quadratmetern zu einer imposanten Mauer aufgestapelt. Durch das Erdbeben 2010 hat die Mauer zwar gelitten, doch die Wiederaufbauarbeiten sind auch hier in vollem Gange. Die Kora rund um den Manisteinhaufen zusammen mit zig Tibetern zu absolvieren, bewegt uns sehr. Die tiefe Gläubigkeit, Herzlich- und Freundlichkeit der Einheimischen fasziniert.

 

Weltgrösste Manisteinmauer ausserhalb Yushu.
Weltgrösste Manisteinmauer ausserhalb Yushu.
Besammlung zum Abendgebet.
Besammlung zum Abendgebet.

An prachtvollen Klosteranlagen, Stupas und (kleineren) Manimauern mangelt es auch auf den weiteren Kilometern nicht: Sershu Dzong und Dzogchen Gompa zum Beispiel sind zwei riesige Klosteranlagen, welche hunderte von Mönche beherbergen. Der Buddhismus „boomt“ und viele Familien schicken ihre Kinder wieder ins Kloster. Über die „gispeligen“, teilweise sehr jungen Mönche (wir schätzen die kleinsten auf etwa vier Jahre) müssen wir oft schmunzeln. … auch kleine Mönch-Azubis sind halt „nur“ Kinder.

Nachtlager neben traditionellem Yakhaarzelt.
Nachtlager neben traditionellem Yakhaarzelt.

… dass auch ältere Mönche durchaus „normale“ Menschen sind, dürfen wir beim heutigen Nachtlager erleben: Einmal mehr gestaltet sich die Suche nach einem sichtgeschützten Campingplätzchen trickreich. Wild verstreut treffen wir auf einfache tibetische Lehmhäuser oder Nomadenzelte. So bleibt uns nichts anderes übrig, als wieder einmal eine Nomadenfamilie zu bitten, unser Zelt in ihrer Nähe aufstellen zu dürfen. Wie immer werden wir herzlich begrüsst und zum Znacht, zu Tsampa und Buttertee, eingeladen. Bis die Mutter die vielen Yaks gemolken hat, verbringen wir gemütliche Stunden mit den Kids – Mönche im nahen Dzogchen Gompa. Dabei kommen wir aus dem Staunen kaum raus: In ihrem Nomadenzelt stapelt sich so ziemlich alles, was das (materielle) Herz begehrt: Stromgenerator, TV, Radio, Laptop, usw. … (vor dem Zelt steht übrigens ein neues Auto). Der knapp 20-jährige Mönch zeigt uns auf seinem Laptop Videoaufnahmen, wie er als Vorbeter fungiert und er den Friedensruf vor versammelter Klostergemeinschaft in die Welt hinaus posaunt. Nach diesem beeindruckenden „spirituellen“ Video, liegt ihm aber viel daran, uns noch seinen Lieblingsstreifen zu zeigen: Gladiator – da metzeln sie sich gegenseitig so toll ab. *strahl* Wir fragen uns, wie sich dieses wirre Durcheinander von Religiösem und Weltlichem auf Dauer bloss unter einer Mönchskappe aushalten lässt ...? Nichts destotrotz amüsieren wir uns köstlich.

 

Nass, kalt, unwirtlich: Tro La Passhöhe.
Nass, kalt, unwirtlich: Tro La Passhöhe.

Wir waren schon immer positiv denkende Menschen, konnten uns sehr gut motivieren und negative Aspekte einfach ausblenden. Die Reise hat dies definitiv verstärkt: Als uns zwischen Budongqian und Yushu während über 600 Kilometern täglich massiver Gegenwind ins Gesicht bläst, sagen wir uns immer „Tja, dafür regnet es nur nachts und tagsüber scheint oft die Sonne“. Als wir nach Yushu durch Staub und Dreck, verursacht durch die Strassenbaustelle, radeln, motivieren wir uns mit „tja, dafür ist der Gegenwind weg und es regnet nicht“. Als dann vor Sershu das Wetter endgültig umschlägt und wir uns bei Gegenwind durch den vom Dauerregen verursachten Schlamm der Strassenbaustelle kämpfen, motiviert uns der Gedanke an die Abendlektüre im Zelt; eingekuschelt in den warmen Schlafsack. Doch nach drei Regentagen gerät unsere Motivationsmaschinerie ins Stottern: Zu feucht das Zelt, die Kleider und der Schlafsack! Unser einziger Antrieb ist nun nur noch die Aussicht auf ein Hotel in Derge, wo wir mal wieder so richtig lang und so richtig heiss duschen sowie unsere total verschmutzten Sachen waschen können. ... doch davon trennen uns in Manigango immer noch 100 km und der 5'000 Meter hohe Tro La Pass. Diesen nehmen wir trotz den widrigen Umständen in Angriff. Leider bekommen wir jedoch aufgrund des starken Nebels von der angeblich wunderschönen Landschaft nichts mit. Als wir total durchnässt und durchfroren knöcheltief im Baustellenschlamm steckenbleiben, beschliessen wir unsere „5000er-Mission“ definitiv „an den Nagel zu hängen“: Wir stoppen das nächstbeste Auto und bitten um eine Mitfahrgelegenheit. Was für eine gute Entscheidung! Der Regen hat die Strecke zu einem derartig üblen Schlammbeet verwandelt, dass wir sogar im Auto sitzend noch Stossgebete ‘gen Himmel schicken, um nicht im hartnäckigen Morast stecken zu bleiben. … wir sind halt einfach ca. zwei Jahre zu früh hier: 2015 oder 2016 wird auch diese Strasse wunderbar geteert sein und man muss sich nicht mal mehr die letzten 500 Höhenmeter zum Tro La Pass hochkämpfen, sondern kann ganz gediegen durch einen wunderbaren Tunnel abkürzen!

 

Gebetsfahnen über Derge.
Gebetsfahnen über Derge.

Derge ist eine durch das hohe Chola-Gebirge (6‘168 m ü. M.) abgeschnittene Stadt im Westen der Provinz Sichuan. Aus tibetischer Sicht liegt sie in der „Provinz“ Kham. Hier befindet sich das Bakong Kloster, welches über eine sehr bedeutende Druckerei verfügt: Mit uralten traditionellen Holzblöcken (217‘000 geschnitzte Druckstöcke) können hier 70 % des literarischen Erbes Tibets (re-) produziert werden. Die fleissigen Arbeiter beim Drucken zu beobachten, ist ausserordentlich interessant und lässt uns die Strapazen der vergangenen Tage vergessen. Wir hoffen, dass sich bald wieder ein Hochdruckgebiet über unseren Köpfen installiert, sodass wir morgen die nächste Etappe nach Deqin, zum magischen Berg Kawa Karpo (6‘740 m ü. M.), „trockenen Fahrrades“ in Angriff nehmen können. Und diesmal sind wir uns sicher: Hier wird es KEINE chinesischen Strassenbaustellen geben: zu abgelegen, zu uninteressant! … hmmm, haben wir das nicht schon für die Strecke Budongqian – Qumalai gesagt?! Wir werden’s am eigenen Leib erfahren und Dir in unserem nächsten Reisebericht davon berichten.

 

Die 8. Etappe bis Derge (China) in Bildern: