Do

31

Okt

2013

#11

Alles hat ein Ende ... leider auch unser "Radreisli". Hier der letzte Bericht "Grosses Finale ... pünktlich zur Rush Hour in Hong Kong".

mehr lesen

Di

08

Okt

2013

#10

Und endlich gibt's wieder was auf die Augen: "Goldener Herbst ... mit kleineren Turbulenzen" ist voraussichtlich unser zweitletzter Bericht. Ja, Hong Kong und damit das Ende unseres Radabenteuers rückt unaufhaltsam näher. Wir geben weiterhin Vollgas!

mehr lesen

Di

17

Sep

2013

#9

Für einmal lassen wir Dich nicht all zu lange zappeln! Hier bereits der nächste Reisebericht von den glücklichen China-Stramplern: "Buntes Osttibet ... wird umgekrempelt." 

mehr lesen

Golmud (China), 18. August 2013

Muselmania ... im Land der Uiguren und Polizisten.

Etwas haben wir schnell gelernt: Sämtliche motorisierten Fahrzeuge in China verfügen über eingebaute Vorfahrt. Je lauter die Hupe und je grösser das Auto, desto „eingebauter“. :-) Was wir in den vergangenen knapp drei Wochen sonst noch alles zu hören und sehen bekommen haben, erfährst Du in unserem Reisebericht Teil 7.

 

Idylle am Kara Kul.
Idylle am Kara Kul.
Xinjiang - ein Pardies für Früchteliebhaber.
Xinjiang - ein Pardies für Früchteliebhaber.

Damit Du unsere Erlebnisse der vergangenen knapp drei Wochen besser einordnen kannst, "bereichern" wir Dich zuerst mit einigen Hintergrundinfos zur chinesischen Provinz "Xinjiang".

Xinjiang (zu deutsch = neues Territorium) ist reich an Bodenschätzen und wird von China als Schutzpuffer gegen den (islamischen) Terrorismus aus den Nachbarstaaten (bzw. wurde früher als Puffer zur Sowjetunion) angesehen. Diese Provinz ist seit jeher aber das Heimatland der Uiguren, welche nicht mit den Chinesen, sondern mit den „Turk-Völkern“ des benachbarten Zentralasiens verwandt sind. In vielen von uns entlang der südlichen Seidenstrasse besuchten Dörfern scheint denn auch China weit weg zu sein. Wir erlebten die Uiguren mehrheitlich als strenggläubige, traditionsbewusste aber meist sehr freundliche Muslime. Die politischen Machthaber Chinas verbinden die Uiguren jedoch oft mit den „drei Übeln“: Separatismus, Fundamentalismus und Terrorismus. Dies unter anderem auch darum, weil während den Talibankämpfen in Afghanistan (gemäss verschiedenen Quellen) sich vereinzelte Uiguren-Gruppen mit den Muslimen im Nachbarland verbrüderten und dank der Hilfe von Schleppern als Freiheitskämpfer über die Grenze gelangten. Die Uiguren ihrerseits kreiden der chinesischen Regierung die aggressive Umsiedlungspolitik, das wirtschaftliche Ungleichgewicht im Vergleich zu den Han-Chinesen und die auferlegten Repressionen bei der Ausübung ihres Glaubens an. Die kulturellen Unterschiede zwischen Uiguren und Han-Chinesen könnten kaum grösser sein. Die Spannungen zwischen den Volksgruppen führen denn auch immer mal wieder zu Ausschreitungen; letztmals Ende Juni 2013, bei denen angeblich 35 Menschen getötet wurden (siehe auch Beitrag in "Die Welt").

 

Wahrzeichen von Kashgar: Id-Kah Moschee.
Wahrzeichen von Kashgar: Id-Kah Moschee.

Fazit: Nachdem wir uns mit der Xinjiang-Problematik auseinandergesetzt haben, bekommen wir den Eindruck, dass das uigurisch autonome Gebiet Xinjiang für China ein noch heisseres Eisen als Tibet darstellt. In den westlichen Medien ist das „Xinjiang-Problem“ jedoch weniger präsent: Den Uiguren fehlt vermutlich eine Sympathiefigur à la Dalai Lama. Zudem ist deren Religion, der Islam, im Westen weniger hipp als der tibetische Buddhismus. So ticken halt die Medien und wir als deren Konsumenten. Item. Aus chinesischer Sicht kann die Stabilität in dieser Provinz nur durch penetrante Polizeipräsenz hergestellt (oder – je nach Sichtweise – aufrecht erhalten) werden. Ob dies die richtige Lösung darstellt? Wir nehmen's mal wieder vorweg: Bei allem Verständnis den involvierten Parteien gegenüber hat die massive Polizeipräsenz bei uns eher Frustration als ein gesteigertes Gefühl von Sicherheit ausgelöst. Die Lust am Reisen ist vorübergehend auf einen Tiefpunkt gesunken. Dennoch ist es uns wichtig, hier explizit zu erwähnen, dass wir auf keinen Fall für eine Partei (China vs. Uiguren) Stellung beziehen möchten. Der ganze Konflikt ist viel zu verschachtelt, als dass wir uns anmassten, irgendjemanden zu kritisieren. Nun aber zurück zu unseren Reise-Erlebnissen!

 

Auf dem Weg nach Tashkurgan.
Auf dem Weg nach Tashkurgan.

Der „Xinjiang-Problematik“ bewusst, ist unsere erste Amtshandlung in Kashgar ein Besuch beim „kantonalen“ PSB (Public Security Bureau). Schliesslich wollen wir ja niemanden verärgern und nicht unnötigerweise auf dem Polizeiradar erscheinen. Wir zeigen dem freundlichen, gut englischsprechenden Polizisten die Landkarte mit der von uns geplanten Route und erkundigen uns, ob wir so fahren dürfen. Stolz erklärt uns der extrabreit grinsende Beamte, dass wir zurzeit frei reisen können und es in Kashgar keine gesperrten Gebiete gäbe. KEINE. Also wirklich KEINE. Wow, was für Neuigkeiten! Das hätten wir so nicht erwartet. Beim Verlassen des PSB Hauptquartiers fragen wir uns, ob dieser Chinese vielleicht zur Sorte jener gehört, die lügen können, ohne orange zu werden (Farblehre: gelb + rot = orange). Wir finden's raus!

 

Schmeissfliegen-Highlight: uigur Metzgerei.
Schmeissfliegen-Highlight: uigur Metzgerei.

Nach diesen erfreulichen Neuigkeiten starten wir zu einer Erkundungstour durch Kashgar – einer Stadt voller Kontraste. Wer jetzt an extatische Kaufhaus-(Rausch-)Einkaufserlebnisse denkt, ist jedoch wacker schief gewickelt: Strassenmärkte und Basare sind hier Trumpf! ... damit dem ungetrübten Einkaufsvergnügen nix mehr im Weg steht, braucht man nur noch zu wissen, dass sich das Leben der Uiguren nicht nach der offiziell gültigen Beijing-Time, sondern nach ihrer eigenen Xinjiang-Time, welche zwei Stunden hinter der Peking-Zeit liegt, richtet (Xinjiang-Time: GMT+6, Beijing-Time: GMT+8). ... doch irgendwie bekommen wir den Eindruck nicht ganz los, dass sich dies der eine oder andere Geschäftsinhaber zum Vorteil macht: Geöffnet wird zur Xinjiang-Time (also spät); geschlossen dann aber doch zwei Stunden früher, zur Beijing Time. :-) ... hmm, zeugt nicht gerade von cleverem Unternehmertum; aber was will man sich bei der Hitze auch gross abmühen?!

 

Skyline von Kashgar aus unserem Hotelzimmer.
Skyline von Kashgar aus unserem Hotelzimmer.

Neben dem ziellosen "durch-die-Stadt-cruisen-und-Leute-beobachten" geniessen wir vor allem auch die Aussicht aus unserem Hotelzimmer im 17. Stock. Der Blick über die Stadt Kashgar zeigt eindrücklich, wie die uigurisch geprägte Altstadt im krassen Gegensatz zur glitzernden modernen chinesischen Betonwelt ringsum steht. Auch lässt sich wunderbar erkennen, wie die alten traditionellen uigurischen Wohnhäuser aus Lehm den neuen Apartmentblöcken weichen müssen. Wobei nicht ganz alles (auf einmal) dem Erdboden gleich gemacht wird: Das Herz der Altstadt wird aufwändig renoviert und soll erhalten bleiben. Hat da vielleicht die chinesische Regierung aus den (aus westlicher Sicht) Fehlern der Vergangenheit gelernt? Oder ist dies einfach eine Massnahme zur Tourismusförderung und damit ein weiterer Baustein der chinesischen Entwicklungsstrategie?

 

Hier gefällt's uns: Am Muztagh Ata.
Hier gefällt's uns: Am Muztagh Ata.

Gesättigt von der städtischen Reizüberflutung starten wir nach einigen Ruhetagen top motiviert Richtung pakistanischer Grenze: Bevor wir uns wagemutig in den „Höllenschlund“ der Taklamakan Wüste stürzen, wollen wir nochmals frische, kühle Bergluft schnuppern. Entlang des sehr eindrücklichen Karakorum-Highways radeln wir vorbei an den mächtigen Schneebergen (u.a. Muztagh Ata, 7‘546 m ü. M., und Kongur, 7‘649 m ü. M.) nach Tashkurgan. Von da aus wollten wir eigentlich einer Offroad-Piste durch eine Schlucht folgend nach Yecheng gelangen. Doch daraus wird leider nichts: Aus „Sicherheitsgründen“ ist diese Strecke bedauerlicherweise gesperrt; diese Information sei nur noch nicht in der Zentrale in Kashgar angekommen. „… die ollen Brieftauben waren auch schon zuverlässiger“, denken wir uns. Wieso unser am Vortag am Strassenrand aufgelesener chinesischer Radlerkollege, namens Su, die Strecke problemlos befahren darf, bleibt uns ein Rätsel. Wir vermuten, dass dies mit dem chinesischen Bestreben nach Minderheitenschutz zu tun hat: Schliesslich sind wir 6.66 Mio. Schweizer Bürger im Vergleich zu 1.2 Mrd. Han-Chinesen eine schützenswerte Kostbarkeit, die man nicht einfach so verheizen sollte. :-)

 

Eindrückliche Bergwelt entlang des Karakorum-Highways.
Eindrückliche Bergwelt entlang des Karakorum-Highways.
Muselmänner bei ihrer Lieblingsbeschäftigung.
Muselmänner bei ihrer Lieblingsbeschäftigung.

Etwas frustriert bleibt uns nichts anderes übrig, als aus der Sackgasse Tashkurgan den gleichen Weg wieder zurück zu radeln. Wobei nicht ganz: Wir erspähen auf unserer Landkarte eine weitere wunderbare Abkürzung Richtung Yengisar. Dass diese mehr „Wundertüte“ wie „wunderbar“ ist, erkennt man daran, dass man nach 168 Tageskilometern vor dem Zubettgehen noch schnell geschlagene 2.5 Stunden von der Polizei aufgehalten wird. Wie es dazu gekommen ist: 70 Kilometer nordwestlich von Kashgar biegen wir vom Karakorum Highway in eine Nebenstrasse ein. Als wären wir in einem arabischen Märchen aus 1001 Nacht gelandet, finden wir uns auf einmal mitten im Land der Muselmänner wieder. „Muselfrauen“ hingegen trifft man auf den Strassen praktisch keine mehr an … und wenn, dann vollkommen verschleiert. Wir (bzw. insbesondere Anita, die wohlgemerkt trotz Hitze langärmlig und mit Kopftuch radelt) werden begafft, als seien wir ausserirdische Lebewesen in einem intergalaktischen Zoo. Unser Unbehagen unterdrücken wir – der „Gwunder“, wo uns diese hammermässige Abkürzung noch hinführt, ist zu gross. Plötzlich taucht vor uns ein Schlagbaum auf. „Zum Glück ist er offen“, denken wir uns und geben noch etwas mehr Stoff. Als hätten wir’s geahnt: Kaum werden wir erspäht, saust auch schon der Schlagbaum runter! Für uns scheint die Situation so, als wollen sich hier ein paar einheimische „Rumlungeri“ mit uns einen kleinen Scherz erlauben. Das finden wir überhaupt nicht lustig und so schlüpfen wir gekonnt unter dem Schlagbaum durch. Das verblüffte, aber nicht wirklich energisch klingende, „Hey!“ und „Stop!“ der 4 bis 6 nicht uniformierten „Pseudo-Schlagbaumbewacher“ ignorieren wir gekonnt.

 

Chinesische Monopoly-Stadt.
Chinesische Monopoly-Stadt.

Mit jeder Pedalenumdrehung tauchen wir tiefer in die uigurische Kultur ein; China scheint weeeeeit entfernt. Völlig unerwartet „tut es einen Rumpel“ und wir stehen mitten in einer von den Chinesen „Monopoly-mässig“ aus dem Boden gestampften Stadt. Sowas Schräges haben wir noch nie erlebt! Eine Erklärung für den skurril-abrupten Szenenwechsel findet man im Parteiprogramm und dem politischen Ziel „Entwickle den Westen“: Um den (finanziellen) Unterschied zwischen Stadt und Land zu minimieren, setzt die chinesische Regierung vor allem auch in Xinjiang seit einigen Jahren auf eine schnelle Urbanisierung; diese Stadt steht sinnbildlich dafür. Was uns aber wirklich erschreckt, ist die massive Polizei- und Militärpräsenz. Ehrlich, wir haben noch nie eine Ortschaft mit solch einer „Ordnungshüter-Dichte“ gesehen! Nicht wirklich verwunderlich, dass wir bereits beim ersten Lichtsignal einem untersetzten Polizisten ins Netz gehen. Aus dem anfänglich sehr freundlich wirkenden Angebot, uns zu einem Hotel zu führen, wird ein 2.5 Stunden langes Verhör … Wir nehmen‘s im Grossen und Ganzen gelassen – bleibt uns ja nichts anderes übrig.

 

Chinesische Bauwut vs. muslimischer Alltag.
Chinesische Bauwut vs. muslimischer Alltag.

10‘000 sinnlose Fragen, 8 Passkopien und drei Fotos später wissen wir, dass hier die Polizisten nicht zwingend eine Uniform tragen und wir uns in einem für Touristen geschlossenen Gebiet bewegen. Der Schlagbaum hätte also die Grenze dargestellt … Uuups! Über den Grund, warum dieses Gebiet unsereins nicht sehen darf, zerbrechen wir uns bis heute den Kopf: Ist es wirklich aus Sorge, dass uns Touristen hier 'was zustossen könnte? Oder darf der Westler die „vorsintflutlichen“ Zustände der hier (ausserhalb der Monopoly-Stadt) wohnenden Uiguren nicht zu Gesicht bekommen, da es nicht zu dem hochgehaltenen Bild des fortschrittlichen Chinas passt? Oder sollen wir einfach nicht mitbekommen, welches massive Polizeiaufgebot notwendig ist, das schnell überkochende Temperament der Uiguren unter dem Deckel zu behalten?!? Die wahre Antwort darauf werden wir wohl nie herausfinden. Wir müssen uns mit der bereits arg strapazierten Standardausrede von wegen „Sicherheitsbedenken“ begnügen. Item. Als Andenken an diesen „Experimental-Ausflug ins Herzen des uigurischen Kernlands“ haben wir uns einen polizeilichen Verweis eingehandelt – was auch immer dies zu bedeuten hat ...

 

Melonenschwemme.
Melonenschwemme.

Wie vereinbart wollen wir am nächsten Morgen den geschlossenen Bezirk auf direktem Weg verlassen. Doch weit kommen wir nicht: Wir werden von einem „zufällig“ vorbeifahrenden Polizisten gestoppt, welcher uns offeriert, mit dem Jeep vorauszufahren, um uns den Weg zu zeigen. Zu freundlich: Die Polizei, dein Freund, Helfer … und Stadtführer. So nehmen wir das Angebot mangels wirklicher Alternativen dankend an. Wir sind froh, nach 30 Kilometern wieder einen Schlagbaum zu erreichen und uns dahinter hoffentlich wieder frei bewegen zu können. So haben es uns die Polizisten am Vortag zumindest versichert. Doch denkste: Kaum in der nächsten Stadt angekommen, werden wir vom nächsten "spontan aufkreuzenden" Sicherheitsbeamten abgefangen, der uns wiederum sehr freundlich offeriert, uns ins nächste Hotel zu begleiten. Doch bevor es soweit ist, beginnt das Verhör vom Vorabend von Neuem. Dieses Mal übertrifft sich jedoch der uigurische Wachtmeister selber: Er fragt uns vollen Ernstes nach unserem Hochzeitszertifikat?! Gerissen antwortet Andreas darauf, dass er ausnahmsweise leider den „Fahrzeugausweis für Anita“ mal nicht im Portemonnaie mitführe. :-) Das findet unser Gegenüber gar nicht lustig. Er brauche einen Nachweis, dass wir verheiratet seien, sonst dürfen wir nicht im gleichen Hotelzimmer übernachten. Was für ein Glück, dass wir unsere Ringe tragen! Der Polizist lässt sich damit übertölpeln und weitere Diskussionen sind im Keime erstickt. *schweiss-von-der-stirne-wisch*

 

Guat Nacht: Anstrengendes Markttreiben.
Guat Nacht: Anstrengendes Markttreiben.

Nachdem auch dies geklärt ist, geht’s mit Polizeieskorte und unter den staunenden Blicken zahlreicher Einheimischer durch die halbe Stadt zu einem Hotel. Während Andreas in Begleitung zweier Polizisten eincheckt, wartet Anita draussen bei den Velos. Da wird sie von einem Uiguren angesprochen. Er studiert in Ürümqi Medizin und spricht perfekt Englisch. Das Gespräch ist anfänglich super spannend. Er schildert Anita die „Uiguren/Han-Chinesen Problematik“ aus uigurischer Sicht, welche selbstverständlich 180 Grad von der Han-Chinesischen Sichtweise abweicht. Für Anita unerwartet wechselt er dann das Thema und kommt auf den Islam zu sprechen. In einer völligen Selbstverständlichkeit erklärt er, nachdem sich Anita als Christin geoutet hat, dass einzig der Koran die Wahrheit sage. Die Bibel sei eine grosse Lüge und der Inhalt sei gefälscht. Als er immer radikaler in der Wortwahl wird, kommen zum Glück Andreas und seine klettige Polizisten-Entourage heraus. Als die „Spürhunde“ realisieren, dass der Uigure Englisch beherrscht und mit Anita gesprochen hat, werden sie nochmals richtig nervös. :-) Sofort wollen sie den Gesprächsinhalt wissen. „Ach, wir haben über das Wetter gesprochen. Dieses Jahr ist es ja ausserordentlich heiss hier. Finden Sie nicht auch? Übrigens, hätten Sie gerne eine russische Zigarette? ...“, meint Anita beruhigend. Die Polizisten geben sich Kippe schmauchend halbwegs zufrieden. Nicht so Anita: Die diesem Uiguren eingetrichterte Intoleranz stimmt nachdenklich. Unsereins würde sich kaum getrauen, den Wahrheitsgehalt des Korans vor einem gläubigen Moslem mit einer solchen Aggressivität anzuzweifeln. Anita ertappt sich dabei, dass bei ihr erstmals auch etwas Verständnis, was das horrende Polizeiaufkommen anbelangt, aufkeimt.

 

"You TV my workplace!" ... hääää?
"You TV my workplace!" ... hääää?

In den nächsten Tagen radeln wir entlang der legendären südlichen Seidenstrasse. Zwischen den Oasenstädten ist das Rad fahren nun sehr monoton: Ausser (Stein-)Wüste und Steppenlandschaft unterhält einen hier rein gar nichts. Die Temperatur ist unangenehm heiss. Wir vermissen die Berge mit jeder Stunde mehr. Einfach flach geradeausfahren ist halt immer noch nichts für uns. Glücklicherweise wird die Monotonie immer mal wieder durch – na, was wohl? ... genau! – Polizeikontrollen unterbrochen, ansonsten wir wohl noch ’nem Sekundenschlaf zum Opfer fallen würden ... Ziemlich genau 50 Kilometer nach Hotan geraten wir wieder mal in eine Situation der besonders bizarren Art: Wir radeln seit Stunden durch nichts ausser Wüste und machen ab und zu mal ein langweiliges Wüstenfoto, als uns ein weisser Jeep überholt und uns zum Anhalten zwingt. Ein sehr aufgewühlter Uigure steigt aus, zeigt uns seinen Polizeiausweis und schreit „Yoooou TV myyy workplace!“. … ?!? Wir sind irritiert. Nie würden wir ein Polizei-, Militär- oder sonstiges Regierungsgebäude/-fahrzeug ablichten, von Filmen schon gar nicht zu sprechen; so dämlich kann man gar nicht sein. Also zeigen wir dem schaumenden Schreckgespenst kurzerhand unseren Fotoapparat. So viel Offenheit beruhigt ihn. Als er beginnt in den Fotos aus der Schweiz, Deutschland und Österreich zu schwelgen, ist er schnell wieder auf dem Teppich und entschuldigt sich sogar für den Zwischenfall. Bei uns ist nun aber definitiv „der Zapfen ab“! Fotos machen wir keine mehr; Xinjiang damit definitiv abgehakt. Wir beschliessen, uns auf die Suche nach einer MFG, einer Mitfahrgelegenheit, nach Golmud in der Provinz Qinghai, zu machen. … das hält man hier ja im Kopf nicht aus!

 

Mehr Aufmerksamkeit als uns lieb ist.
Mehr Aufmerksamkeit als uns lieb ist.

In Qiemo/Cherchen angekommen, sprechen wir gleich mal einen Pickup-Fahrer an, ob er uns morgen in das rund 700 Kilometer entfernte Huatugou fahren könne. Er überlegt und bietet uns schlussendlich seine Taxidienste für rund CHF 225 an. ‘N Ziemlicher Batzen hier, doch wir hätten damit wunderbar und vor allem schnell an „wüstem“ Land gewonnen. Das mit dem „morgen losfahren“ hat er dann aber doch nicht ganz verstanden. Er verstaut unsere Fahrräder und Taschen „rubbel-die-Katz“ auf seinem lottrigen Jeep und will sofort starten. Wir geben uns geschlagen und steigen dankbar ein. Doch weit kommen wir nicht! Obwohl es bereits dunkel ist, bekommen wir das Gefühl nicht los, dass der engagierte Kerl wieder genau in jene Richtung fährt, aus welcher wir gerade gekommen sind. Der Irrtum ist schnell gefunden: Hotan und Huatougu tönen für den offensichtlich nicht „Karte-lesen-könnenden“ Uiguren genau gleich – unsere holprige Aussprache war ihm ebenso wenig dienlich. Verflixt nochmal! Zum Glück haben wir dies so früh realisiert; das wäre ja nicht auszumalen gewesen … :-)

 

Bequem wie eine Schuhschachtel: Schlafbus.
Bequem wie eine Schuhschachtel: Schlafbus.

Am nächsten Morgen versuchen wir unser Glück von Neuem und siehe da: Es klappt auf Anhieb! Ein überaus freundlicher Han-Chinese fährt uns mit seinem nigelnagelneuen Jeep nach Ruoqiang, wo wir auf den Nachtbus nach Golmud umsteigen. Nun sind wir froh, endlich in Golmud angekommen zu sein. Hier tanken wir neue Energie (und vor allem Zuversicht, ohne Polizei ebenso gut vorwärts zu kommen), bevor wir uns einen weiteren grossen Reisewunsch erfüllen: Wir versuchen entlang einer sehr einsamen und abgelegenen Offroad-Piste in das Herzen der ehemaligen tibetischen Region Amdo vorzustossen. Es geht nun endlich dorthin, wo wir bei unserer letzten Chinareise ein Stück unsere Seele gelassen haben. Wir freuen uns auf den ersten 5‘000 Meter hohen Pass, die tibetische Kultur, auf Tsampa und Buttertee. :-) Ob wir finden, wonach wir suchen, erfährst Du im nächsten Reisebericht. Bis dahin: Denkt schön fleissig an uns und drückt uns die Daumen!

 

Die 7. Etappe bis Golmud (China) in Bildern: