Do

31

Okt

2013

#11

Alles hat ein Ende ... leider auch unser "Radreisli". Hier der letzte Bericht "Grosses Finale ... pünktlich zur Rush Hour in Hong Kong".

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Di

08

Okt

2013

#10

Und endlich gibt's wieder was auf die Augen: "Goldener Herbst ... mit kleineren Turbulenzen" ist voraussichtlich unser zweitletzter Bericht. Ja, Hong Kong und damit das Ende unseres Radabenteuers rückt unaufhaltsam näher. Wir geben weiterhin Vollgas!

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Di

17

Sep

2013

#9

Für einmal lassen wir Dich nicht all zu lange zappeln! Hier bereits der nächste Reisebericht von den glücklichen China-Stramplern: "Buntes Osttibet ... wird umgekrempelt." 

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Kashgar (China), 02. August 2013

Von den Schlitzohren zu den Schlitzaugen

Bereits vor Karakol wähnten wir uns wie auf „Heimaturlaub“ in der Schweiz. Dass dies nur der Vorgeschmack sein sollte, davon kannst Du Dich in unserer neusten Fotogalerie selber überzeugen: Kirgistan, das Naturjuwel Zentralasiens! Was wir über Land und Leute alles in Erfahrung bringen konnten, gibt’s für Dich in unserem sechsten Reisebericht nachzulesen.

 

Noch ist es wunderbar flach ...
Noch ist es wunderbar flach ...

Trotz Anitas anhaltenden Magenbeschwerden beschliessen wir, weiter zu radeln. Rumsitzen und Daumendrehen war noch nie unser Ding – obwohl wir in Karakol ein wunderschönes Guesthouse gefunden haben, das keine Wünsche offen lässt. Bevor wir aber der Zivilisation wieder mal den Rücken kehren und‘s offroad durch die Berge geht, heisst es erneut Lebensmittelvorräte aufstocken. Auf dem relativ grossen Basar werden wir schnell fündig: Nudeln, Reis, Linsen, Tomatensuppe, Haferflocken, Honig, Konfi, Brot, Käse, Butter, Dörrfrüchte, Nüsse, Mentos, Guetzli, Rüebli und Oliven werden uns in den nächsten sechs Tagen über Wasser halten müssen. Ja, futtertechnisch sind wir richtig bescheiden geworden! Es war aber harte Arbeit, dem „Gluschtschwein“ die Schoggi-, Glacé- und Bierflausen auszutreiben. :-)

 

Fantastische Aussicht runter zum Issyk-Kul.
Fantastische Aussicht runter zum Issyk-Kul.

Nach der ersten flachen Etappe entlang des Issyk-Kul (zweitgrösster Gebirgssee der Erde) Richtung Tosor, geht’s an unserem zweiten Radtag „ans Eingemachte“: Es gilt bescheidene 2‘300 Höhenmeter zum 3‘900 m ü. M. hohen Tosorpass zu überwinden. Geschwächt von der langwierigen Magengeschichte schaffen wir es leider nicht an einem Tag. Doch kein Problem: Auf knapp 3‘200 m ü. M. finden wir ein zauberhaftes Campingplätzchen mit fantastischer Aussicht runter zum Issyk-Kul. Zum Znacht werden wir von einer kirgisischen Bauernfamilie in ihre Jurte eingeladen. Seit 25 Jahren verbringen sie mit ihren Kühen, Pferden und Schafen die Sommermonate hier oben. Das Leben in den Bergen ist hart und beschwerlich: Bis auf ihre knapp 20 m2 grosse Rückzugsmöglichkeit sind sie dem oft launischen und kalten Wetter ausgesetzt. Geheizt und gekocht wird mit dem täglich eingesammelten und getrockneten Kuhdung. Dennoch scheint die Familie sehr zufrieden und die kurzzeitige Ablenkung durch unsere Gesellschaft zu geniessen. Wie sich’s für die ausserordentlich gastfreundlichen Kirgisen gehört, wird gleich mal alles aufgefahren, was das Alp- und Jurtenleben so hergibt! Und das ist nicht mal wenig: Liebevoll werden wir mit Kumys (vergorener Stutenmilch), Kurut (kirgisischer Trockenkäse ähnlich dem Kurt in Kasachstan), superleckerem frischen Joghurt und einer Art Tsampa (geröstetes Gerstenmehl mit Rahm und Zucker zu einem Brei gemixt) vollgestopft, als gäbe es kein Morgen mehr. Es scheint, als ob dieser "Jailoo-Fast-Food" Wunder bewirkt: Er bringt Anita's angeschlagen Magen wieder auf Vordermann. ... oder liegt es vielleicht einfach daran, dass wir wieder in der Natur unterwegs sind?

 

Das ganze Tal für uns alleine.
Das ganze Tal für uns alleine.
Ein Kampf der sich definitiv lohnt.
Ein Kampf der sich definitiv lohnt.

Gefährlich nahes Kuhgeschnaube reisst uns am nächsten Morgen aus dem Schlaf. Ein Bilderbuchtag begrüsst uns. … irgendjemand hat bloss vergessen, das Tiefkühlfach zu schliessen: Es ist bitterkalt! Doch uns wird ziemlich schnell wieder warm; es gilt nämlich die letzten 600 Höhenmeter Richtung Pass hochzuwürgen. Die spürbar dünner gewordene Luft setzt uns ungewohnt zu – ein Königreich für ein Sauerstoffzelt! ;-) Der Anblick der gigantischen von Schneefeldern und Gletschern durchzogenen Felsformationen versüsst uns jedoch die zahlreichen Verschnaufpausen. Was uns hinter der Passhöhe erwartet, gleicht einem Märchen: Das sanfte von Schneebergen umgebene Tal scheint so abgelegen zu sein, dass sich nicht einmal mehr Nomaden hierher verirren.

 

Unsere Campingplatz-Highlights:

Hardcorekneippen auf kirgisisch.
Hardcorekneippen auf kirgisisch.

Das Wetterglück war uns sehr lange hold; diesbezüglich wollen wir uns denn auch auf keinen Fall beklagen. Leider scheint nun aber ein Tiefdruckgebiet in unsere Richtung zu ziehen. Die Wolkenformationen lassen nichts Gutes erahnen. Und so kommt es auch: Regen und Schnee begleiten uns die nächsten drei Tage bis nach Naryn. Am Morgen braucht es nun ungewöhnlich viel Überwindung, den warmen kuscheligen und trockenen Schlafsack gegen unsere Regenmontur zu tauschen. Sobald wir aber auf dem Velo sitzen, kommt die Freude zurück. Solange wir radeln, ist uns nicht kalt und es lässt sich ganz gut aushalten. Die Landschaft hat auch bei Nebel und Regen ihren Reiz … zumindest versuchen wir uns dies einzureden, um die Motivation hoch zu halten. :-) Dies gelingt uns ganz ordentlich, bis die nächste Bachüberquerung ansteht: Unsere bereits gefrorenen Füsse aus den neoprenisolierten Schuhen zu schälen und barfuss durch das knapp knietiefe eiskalte Wasser zu waten, findet unser innerer Schweinehund überhaupt nicht lustig. Doch auch der innere Schweinehund muss jetzt mitanpacken! Wie so manches auf dieser Reise, meistern wir auch dieses Hindernis mit Bravour. … nur unsere Füsse tauen bis am Abend definitiv nicht mehr auf. Als hätten wir mit dem Wetterumsturz nicht schon „unser Fett wegbekommen“, holt sich Andreas als Andenken an diese Hardcore-Kneipperei eine lästige Achillessehnen-Entzündung. Diese bekommen wir zum Glück dank Fastumgel und Nisulid langsam aber sicher wieder in den Griff. Apropos Nisulid: Preis in der Schweiz: CHF 26.50, Preis Generikum in Kirgistan: 110 Som = CHF 2.10. Einziger Unterschied: Verpackungsbeilage ist auf Russisch, Kasachisch und Kirgisisch. … wirken tun sie trotzdem!

 

Homestay in Sary Tash vermittelt durch CBT.
Homestay in Sary Tash vermittelt durch CBT.

Tourismus ist für Kirgistan eine wichtige Einnahmequelle und wird entsprechend gefördert. In jedem grösseren Dorf gibt es ein CBT-Büro (CBT = Community Based Tourism). Es handelt sich dabei um ein Helvetas-Projekt mit dem Ziel, junge Unternehmen im Tourismusbereich auch in ländlichen Gebieten zu unterstützen. So vermitteln diese beispielsweise Übernachtungsmöglichkeiten bei Gastfamilien und organisieren alles, was der Reisende wünscht: (Pferde-)Trekking, Taxi, Reiseführer, etc. Die Idee ist grundsätzlich ausserordentlich löblich. Trotzdem kann sich manch ein Backpacker des Eindrucks nicht erwehren, dass tendenziell versucht wird, möglichst viel aus den „reichen Ausländern“ zu quetschen und dass der touristische Geldsegen eher willkürlich verteilt wird. Einige von CBT enttäuschte Kirgistan-Besucher dichteten dieser Einrichtung sogar mafiöse Methoden an. Bis Naryn haben wir von CBT keinen Gebrauch gemacht: Für was auch, wir haben ja unser Zelt, Fahrrad, Strassenkarte und GPS. Nach den strengen verregneten Tagen sehnen wir uns nun aber nach einem gemütlichen zu Hause. So kommen wir also nicht darum herum, die von anderen Reisenden als „Mini-Mafia“ verschriene Organisation selber kennen zu lernen. Das CBT-Büro in Naryn ist schnell gefunden und ohne grosses Tamtam haben wir auch schon eine Bleibe: Im Apartment der CBT-Koordinatorin Gulira, welches sich „zufälligerweise“ gleich um die Ecke befindet! Eigentlich wäre sie ja für die Vermittlung der „homestays“ bei den lokalen Familien zuständig, doch offensichtlich koordiniert sie die Touristen bevorzugt in die eigenen vier Wände und damit den Geldsegen ins eigene Portemonnaie. Item ...

 

Traditionsbewusste Kirgisen.
Traditionsbewusste Kirgisen.

Gulira ist eine top moderne 28-jährige kirgisische Frau, die weder kochen noch putzen kann ;-) und auch nicht verheiratet ist. Eine Sensation für das traditionsbewusste Kirgistan, wo oft schon mit 18 der Bund für‘s Leben geschlossen wird und fleissig kleine süsse gerissene zukünftige Touristen-Abzockerlis produziert werden. Gulira gehört zu den wenigen „glücklichen“ Kirgisinnen, die dank amerikanischen und kirgisischen Subventionen ein Austauschjahr in den USA geniessen durften. (Neben den USA scheint auch Deutschland und die Türkei bei vielen jungen Kirgisen hoch im Kurs zu stehen.) Während ihres Jahres in Übersee lernte sie perfekt englisch und übernahm teilweise auch den „American way of life“ – dort bekunden sie unseres Wissens ja auch Mühe mit Kochen. ;-) Da Kirgistan vielen jungen Menschen mangels fehlenden Arbeitsplätzen keine Perspektive bieten kann, bleiben zielstrebige, gut ausgebildete und engagierte Leute wie Gulira oft im Ausland „hängen“. (Die Geldtransfers der kirgisischen Gastarbeiter zurück nach Kirgistan tragen rund 25 % zum kirgisischen BIP bei!) Doch Gulira zog es zurück in ihre Heimat. Bevor sie die Stelle als CBT-Koordinatorin annahm, arbeitete sie während vier Jahren für eine Non-Profit-Organisation, welche sich für Frauenrechte in Kirgistan einsetzt. Ihre Geschichten über die immer noch regelmässig vorkommenden Zwangshochzeiten und Misshandlungen stimmen uns äusserst nachdenklich. Die Frage, warum so etwas von den Eltern toleriert wird, ist schnell beantwortet: „Tradition!“ Dass die Zwangsehe gesetzlich verboten ist, nützt vielen jungen Frauen wenig: Der Druck der Eltern (wenn du dich weigerst, findest du nie mehr einen Mann / das ist unsere Tradition / wir wurden auch so verheiratet und alles kam gut) ist oft zu gross.

 

Zmittag bei einer Bauernfamilie.
Zmittag bei einer Bauernfamilie.

Nachdenklich machen wir uns am folgenden Tag auf Richtung Osh – via Song-Kül, Kazarman und Jalal-Abad. Dass 94 % der Landesfläche Kirgistans gebirgig ist, bekommen unsere Wädli in den nächsten acht Tagen zu spüren: Jeden Tag wartet ein neuer Pass auf uns. Die hohen, schroffen Berge mit ihren tiefen Tälern wirken sehr dominant und eindrücklich. Unsere „Kilometer/Tag-Leistung“ bricht damit jedoch endgültig ein: Einerseits wegen den oft sehr schlechten Strassen (tiefer Schotter, Wellblechpisten) andererseits aufgrund der zahlreichen Einladungen durch kirgisische Bauernfamilien in ihre Jurten. Zum Glück stehen wir nicht unter Zeitdruck und so können wir die vielen herzlichen Begegnungen ausgiebig zelebrieren. Wie bei uns in der Schweiz verbringen auch in Kirgistan die Kühe, Pferde, Schafe, Geissen, etc. den Sommer nicht im Tal, sondern in höheren Lagen. Statt in Alphütten wohnen die Kirgisen jedoch in Jurten oder in alten Barackenwagen. Die Gastfreundschaft der Bauern ist umwerfend: Und so hat Andreas über die letzten Tage eimerweise Kumys (Stutenmilch) trinken müssen, dass er schon bald zu wiehern beginnt! … die clevere Anita, die das milchig saure „angekokelt riechende“ Bier-Substitut immer noch kaum die Kehle runter bringt, tauscht ihr Glas regelmässig gegen Andreas‘ leeren Becher aus. :-)

 

Täglich auf dem Menuplan: Serpentinen.
Täglich auf dem Menuplan: Serpentinen.
Zur Abwechslung mal in der Gastgeberrolle.
Zur Abwechslung mal in der Gastgeberrolle.

Bei den unzähligen Einladungen erfahren wir unter anderem einiges über das kirgisische Bildungssystem: Da es an Staatsgeldern mangelt und die Lehrkräfte derart schlecht bezahlt sind, dass sie kaum ihren Lebensunterhalt bestreiten können, mangelt es an guten Lehrpersonen. Die guten Noten werden hier oft jenen Schülern vergeben, die Bares rüberwachsen lassen – und nicht an jene, welche wirklich gut wären. Die Grundschule ist kostenfrei. Wer dann aber an die Highschool oder Uni will, muss jährlich ca. 20‘000 Som bezahlen (knapp CHF 400). Unter Berücksichtigung dessen, dass ein mittleres Monatseinkommen mit Uni-Abschluss ca. CHF 300, ohne Uni-Abschluss CHF 50 beträgt, eine horrende Summe!

Im Sommer haben die Kids drei Monate Schulferien. Diese Zeit verbringen sie oft mit ihren Eltern in den „Jailoos“ (Alpen). Auch unsere Frage, was mit den vielen Pferden (wir sehen x-mal mehr Pferde als Kühe) passiert, wird beantwortet: Für die reichen Kirgisen ist der Kauf von Pferden eine beliebte Anlageform. Dank der steigenden Nachfrage nach Pferdefleisch insbesondere aus Kasachstan, konnte dadurch in den vergangenen Jahren eine gute Rendite erzielt werden. Momentan liegt der Preis für ein Pferd bei stolzen 1‘500 Dollar.

 

Apropos Pferd: Wusstest Du, dass Pferde einen Musiksinn haben? Als wir vor Jalal-Abad durch ein Dorf (oder eher elendes Kaff) radeln, ist gerade eine Party im Gange. Der Sound ist schon aus mehreren Kilometern Entfernung zu hören. Nicht nur den geladenen Gästen, sondern auch den auf der Strasse stehenden Pferden scheint die Musik zu gefallen: Wie besessen wippen sie mit ihren Köpfen rhythmisch zu den pumpenden Bässen. Wir kugeln uns vor Lachen!

 

Unser "headbanging horse" in Aktion:

Übrigens die Fussfesseln verletzen die Pferde in der Regel nicht, wie uns eine angehende Veterinärmedizinerin versichert. Dies ist hier gang und gäbe und stellt lediglich die kirgisische Wegfahrsperre dar. Damit sorgen die schlauen Bauern dafür, dass ihr Investment keine Beine bekommt.

 

Kurve knapp verfehlt ...
Kurve knapp verfehlt ...

Je näher wir Jalal-Abad kommen, desto grösser die Verkehrsdichte. In den vergangenen zwei Wochen begegneten uns maximal zehn Autos am Tag. Jetzt sind es so viele in einer Minute! Als dann die Holperpiste einer Teerstrasse weicht, beginnen wir um unser Leben zu fürchten: Die Kirgisen fahren hier beinahe wie freigelassene Triebtäter – nur noch etwas schlimmer! Das Angebot unseres Hotelbesitzers in Jalal-Abad, uns mit dem Auto die 100 km nach Osh zu fahren, nehmen wir mit Handkuss an. Stolz zeigt er uns seinen Landrover. Aber als es dann darum geht, unsere zwei Drahtesel und die vielen Fahrradtaschen in dieses Vehikel zu packen, müssen wir viermal neu ansetzen. Nur dank Millimeterarbeit und unter Zuhilfenahme eines Schuhlöffels bekommen wir es dann doch noch hin. Was für eine unpraktische Kiste ...!

 

Gehören zum Stadtbild: verschleierte Frauen.
Gehören zum Stadtbild: verschleierte Frauen.

Jalal-Abad und Osh sind Ortschaften, die wir eigentlich nur mit Negativschlagzeilen aus den Nachrichten verbinden. Hört man diese Namen, zuckt man augenblicklich zusammen und ist geneigt, sich die wüstesten Bilder von Kalaschnikow-schwingenden und mit (Schweizer) Handgranaten rumhantierenden Talibankämpfern auszumalen. Aber wie so oft kriechen wir damit wieder mal den sensationsgeilen Medien auf den Leim und tun so einer Region, einem Volk und manchmal sogar einem ganzen Land Unrecht. Fakt ist, dass es in dieser Region immer wieder zu Rangeleien um den Grenzverlauf kommt – letztmals 2010. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion (1991) entschieden die Staats-Chefs der unabhängig gewordenen Republiken, die internen Grenzen der Sowjetunion nicht zu verändern. … soweit so gut. Doch da innerhalb der Sowjetunion Grenzen keine zentrale Rolle spielten, waren diese in einigen Regionen nicht genau demarkiert. Erschwerend kommt hinzu, dass bestimmte Grenzverläufe in den 20er Jahren durch Moskau absichtlich sehr verkeilt gezogen wurden, damit aus den Teilrepubliken der Sowjetunion keine ethnischen Einheiten entstehen (Stichwort Vielvölkerstaat). Moskau versprach sich damit, die entlegenen Regionen besser regieren zu können. Schaut man die Landkarte Zentralasiens denn auch etwas genauer an, fällt einem insbesondere der verschachtelte Grenzverlauf zwischen Usbekistan, Kirgistan und Tadschikistan rund um das Fergana-Tal auf. Dieser ist derart willkürlich, dass es nur wenige Strassen durch‘s Tal gibt, an denen keine Grenze überschritten wird. Wen wundert’s also, dass es sich bei diesem happigen sowjetischen Erbe um ein kleines Pulverfass handelt, welches bei ersten Anzeichen politischer Instabilität leicht wieder zu explodieren droht?

 

Imposantes Mausoleum nahe Osh.
Imposantes Mausoleum nahe Osh.

Nun sind wir also in Osh. Von den latent vorhandenen Streitigkeiten, spüren wir jedoch nichts. Die seit 2011 neugewählte kirgisische Regierung scheint diesbezüglich gute Arbeit zu leisten, wie uns Einheimische versichern. Entgegen allen Befürchtungen fühlen wir uns hier sehr wohl. Dennoch verweilen wir nicht lange im lebhaften Osh: Wir wollen zurück in die Berge und raus aus der stickig heissen Stadt. So schwingen wir uns bereits am nächsten Tag wieder auf unsere Räder Richtung Pamirgebirge.

 

Märchenhafte Bergwelt. Hier fühlen wir uns wie zu Hause.
Märchenhafte Bergwelt. Hier fühlen wir uns wie zu Hause.
Blutroter Fluss aus dem Pamirgebirge.
Blutroter Fluss aus dem Pamirgebirge.

Was für ein wunderbares Gefühl: Nach all den Holperpisten sind wir dieser Tage auf einer neu geteerten Strasse unterwegs! Sponsor ist dieses Mal aber nicht die EU, sondern China. Vielen Dank, liebe Chinesen! Weshalb „Das Reich der Mitte“ den grosszügigen Sponsor spielt, ist wohl klar: Lastwagenweise wird hier chinesischer Ramsch dritter Klasse Richtung Zentralasien gekarrt. Schliesslich muss das chinesische Wirtschaftswunder ja irgendwie am Leben erhalten werden! Wir haben es uns dann aber doch schlimmer vorgestellt: Die 20 Lastwagen am Tag stören kaum. Da wir schon bald die chinesische Grenze erreichen, saugen wir die kirgisische Bergwelt nochmals richtig in uns auf. Das radeln entlang der schneebedeckten Pamirgebirgskette ist ein absolutes Highlight. Anita bekundet mit dem Geradeausfahren noch mehr Mühe als üblich, ihr verträumter Blick wandert immer wieder Richtung Schneeberge.

 

Auf der Suche nach einem Nachtlager.
Auf der Suche nach einem Nachtlager.

Wir schlagen unser heutiges Nachtlager auf 3‘645 m ü. M. mit sensationellem „Pamir-Panorama-Blick“ auf. Ein richtiger Kraftort – selbst wenn uns jeder Handgriff sauerstoffbedingt bald einmal nach Luft japsen lässt. :-) Schlafen können wir nicht: Unsere Augen können sich an der direkt vor unserer Haustüre liegenden Bergwelt kaum sattsehen. Dieser magische Ort lässt dann auch unsere Freundschaftsringe, welche wir seit sieben Jahren tragen, von der rechten zur linken Hand wandern. … ein Juweliergeschäft konnte auf die Schnelle nicht aufgetrieben werden – schöne Steinchen wären zwar genug rumgelegen. :-) Doch kein Problem: Materielle Dinge haben für uns über die letzten Monate eh an Wert verloren. Und so sind wir zwei von nun an mit einem noch breiteren Grinsen unterwegs.

 

Gemeinsam durch Dick und Dünn.
Gemeinsam durch Dick und Dünn.
So macht Aufstehen Spass!
So macht Aufstehen Spass!

Heute reisst uns seit langem wieder einmal der Wecker aus dem Schlaf: Der Grenzübergang nach China steht bevor! Unser Zelt ist rekordschnell zusammengeräumt; die Nervosität treibt uns vorwärts. Die letzten acht Kilometer zum kirgisischen Schlagbaum sind schnell abgeradelt – höchste Zeit, Bilanz zu ziehen. Unser Fazit zu Kirgistan: Hammermässig! Das demokratische Land besticht mit seinen unberührten landschaftlichen Leckerbissen. Wir fühlten uns so, als wurde uns täglich eine volle Ladung Glückshormone gespritzt. Obwohl Kirgistan doch bereits etwas touristisch ist, gibt es noch unzählige Plätzchen, wo man völlig einsam unterwegs sein kann. Da sagen sich Fuchs und Hase definitiv noch gute Nacht. Absolut empfehlenswert! Einziger kleiner Wermutstropfen: Die Schlitzohrigkeit mancher Kirgisen, wenn‘s um‘s Bare geht. Aber: Wir an ihrer Stelle würden ja vermutlich das Gleiche machen ... ;-)

 

Auf dem Weg Richtung Kashgar.
Auf dem Weg Richtung Kashgar.

Mit dem Erreichen der chinesischen Grenze findet unser Heimaturlaub dann aber ein abruptes Ende: Die Landschaft erinnert hier eher an die Sierra Nevada als an die Alpen. So kommen plötzlich zwiespältige Gefühle auf: Eigentlich haben wir uns seit Beginn unserer Reise auf unsere drei Monate in China gefreut; haben wir uns doch 2010 regelrecht in dieses Land verliebt. Doch nach den sechs genialen Wochen in Kasachstan und Kirgistan ist’s mit der Vorfreude auf China so eine Sache: Unsere Russischkenntnisse haben sich nämlich „massiv verbessert“, so dass wir uns gut verständigen konnten. Dies machte vieles einfacher. … in China werden wir wieder als „taubstumme Analphabeten“ dastehen und praktisch von Null beginnen müssen. Es wird also einmal mehr wieder Zeit, auf hohem Niveau zu improvisieren!

 

"Einkaufsmeile" an der Grenze. :-)
"Einkaufsmeile" an der Grenze. :-)

Die Grösse Chinas wird uns bereits bei der Einreise am Irkeshtam-Pass vor Augen geführt: Zwischen dem eigentlichen Grenzposten und der Migrationsbehörde, wo man den Einreisestempel bekommt, liegen sage und schreibe 140 Kilometer! Leider ist es uns aus „Sicherheitsgründen“ (chinesische Lieblingsausrede, um etwas zu verbieten) nicht erlaubt, die Strecke mit dem Velo zu meistern. Neuerdings dürfen Touristen auch nicht mehr mit den Trucks mitfahren – natürlich auch aus Sicherheitsbedenken. Es muss also ein offizieller Bus sein! Ein solcher würde draussen bereitstehen; nur fährt dieser erst ab, wenn 20 Leute da sind. … etwas schwierig an diesem von Individualtouristen nicht wirklich rege genutzten Übergang. Das kann locker zwei Tage dauern! … und während wir noch auf mehr „Fussvolk“ warten, stellt sich heraus, dass die Klapperkiste sowieso gerade defekt ist. Herzlich Willkommen in China – im Land der unbegrenzten Unmöglichkeiten! :-)

 

Mmmm, saftige erntefrische Melone.
Mmmm, saftige erntefrische Melone.

Was für ein Glück, dass wir heute Morgen Kamal kennenlernen dürfen. Kamal ist in Iran geboren und lebt nun zusammen mit seiner chinesischen Frau in Las Vegas. Per Rad war er fünf Wochen durch Tadschikistan unterwegs und nun auf dem Weg nach Kashgar, von wo aus er nach Hause fliegt. Kamal stellt sich als hilfreiches Sprachgenie heraus. Zudem ist er mit den zentralasiatischen und chinesischen Umgangsformen sehr vertraut. Durch seine aufgeschlossene Art macht er sich an der Grenze schnell ein paar neue Freunde, verhandelt geschickt und so hat unser "staatlich verordnetes Rumsitzen" nach vier Stunden ein Ende: Wir werden in einen überfüllten Minibus voller Tadschiken gequetscht und unsere Räder auf einen Pickup voller Schafe und Ziegen geschnürt – polstern müssen wir die Räder nicht … die flauschigen Schäfchen machen diesbezüglich einen hervorragenden Job! Aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes der Schafe, Ziegen und dem uighurischen Pickup-Fahrer, dem Esel, verzichten wir auf ein Foto. Eines steht aber fest: Bekäme dies eine Tierschutzorganisation mit, würden wohl alle in den Bau wandern. Eigentlich kaum mit unserem Gewissen zu vereinbaren – doch die Freude, heute doch noch von diesem himmeltraurigen Grenzposten weg zu kommen, obsiegt.

 

Mit jeder Stunde in dem schweissverseuchten Minibus steigt unsere Bewunderung jenen Reisenden gegenüber, die motorisiert in der Weltgeschichte rumtingeln! Je nach Untergrund kann das ein regelrechter Höllenritt sein; uns erwischt’s dann auch auf der hintersten Sitzreihe knüppeldick. Die üble Schotterpiste (die neue Strasse befindet sich auf der chinesischen Seite noch im Bau ...) ist derart anstrengend, dass wir uns nur noch fluchend wünschen: „Schnell wieder auf‘s Fahrrad zurück – und nie wieder Minibus fahren!“ Während einer gefühlten Ewigkeit harren wir staubfressend der Schlaglöcher, die da kommen und konzentrieren uns, dass der Mageninhalt dort bleibt, wo er hingehört. Wie dem auch sei: Ziemlich genau zehn Stunden nachdem wir den kirgisischen Ausreisestempel in unsere Pässe geknallt bekommen haben, erhalten wir den Einreisestempel Chinas. Endlich sind wir wieder freie radreisende Touristen! Was für ein herrliches Gefühl. :-)

 

Melonenstopp Nr. 4.
Melonenstopp Nr. 4.

Die restlichen Kilometer nach Kashgar radeln wir zusammen mit Kamal, dem „iranischen Las Veganer“. Wir harmonieren sehr gut und es ist spannend zu sehen, wie er auf Leute zugeht ... und zu seinen Vitaminen kommt. Die folgende kleine Episode wird uns noch lange in Erinnerung bleiben: Knapp 20 Kilometer vor Kashgar erreichen wir eine Autobahn, so wie wir sie aus der Schweiz kennen. Eigentlich ist es nicht wirklich erlaubt, mit dem Fahrrad da drauf zu radeln – aber wir sind ja in China, da werden die Pannenstreifen oft und gerne auch von langsamen Traktoren benutzt. Genau einen solchen Traktor erspäht Kamal auf der Gegenfahrbahn, den Anhänger voll frisch geernteten Melonen. Der ständig nach Vitaminen lechzende Exil-Iraner schreit dem Bauern was zu, woraufhin dieser stoppt. Wir denken noch: „Der wird doch jetzt wohl nicht …!“ und bereits im nächsten Moment ist er über alle vier Spuren gewieselt, der durchgeknallte Typ. Fachmännisch riecht und klopft er die halbe Wagenladung durch, um auch ja die süsseste und reifste zu erwischen. Nach einem kurzen Schwätzchen mit dem Bauern, spurtet Kamal mit der fünf Kilogramm schweren Melone wieder geschickt quer über den Highway zu uns zurück. Während die Autos weiterhin mit über 100 Sachen an uns vorbeirauschen, schneidet er gelassen genüsslich seine Beute in Stücke und „zwingt uns“ mit iranischer Freundlichkeit am Melonen-Vitaminschub teilzuhaben. ... wäre dies nicht schon unsere vierte – auf halsbrecherische Weise eroberte  – 5-Kilo-Wasserbombe am heutigen Tage, würden wir uns wohl über die halbwegs kühle Erfrischung freuen. Statt Freude kommen lediglich üble Blähungen auf. :-/

 

Nach dem im Grossen und Ganzen sehr geglückten Start in China ist auch die Vorfreude wieder zurück. Wir sind gespannt, wie sich dieses Land in den vergangenen drei Jahren entwickelt hat … Wie schnell und wie gut wir uns hier akklimatisieren, wie das Leben in Kashgar funktioniert und wie wir die Strecke durch die glühend heisse Taklamakan-Wüste meistern, erfährst Du im nächsten Reisebericht.

 

Die 6. Etappe bis Kashgar (China) in Bildern: