Do

31

Okt

2013

#11

Alles hat ein Ende ... leider auch unser "Radreisli". Hier der letzte Bericht "Grosses Finale ... pünktlich zur Rush Hour in Hong Kong".

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Di

08

Okt

2013

#10

Und endlich gibt's wieder was auf die Augen: "Goldener Herbst ... mit kleineren Turbulenzen" ist voraussichtlich unser zweitletzter Bericht. Ja, Hong Kong und damit das Ende unseres Radabenteuers rückt unaufhaltsam näher. Wir geben weiterhin Vollgas!

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Di

17

Sep

2013

#9

Für einmal lassen wir Dich nicht all zu lange zappeln! Hier bereits der nächste Reisebericht von den glücklichen China-Stramplern: "Buntes Osttibet ... wird umgekrempelt." 

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Karakol (Kirgistan), 09. Juli 2013

Der Tien Shan ruft - endlich geht's ab in die Berge!

Wie im Alltag liegen auch auf einer Reise die schönen und weniger erfreulichen Momente nahe beieinander. Wo und wann wir himmelhoch jauchzend oder "zu Tode betrübt" waren, erfährst Du in unserem 5. Reisebericht.

 

Aussicht aus unserem Apartment in Almaty.
Aussicht aus unserem Apartment in Almaty.

Nach unserem lustigen Zugsreisli sind wir nun in Almaty, Kasachstans ehemaliger Hauptstadt (seit 1997 ist dies das vom kasachischen Präsidenten Nasarbajew am Reisbrett entworfene Astana). In der in Häuserblocks angelegten Stadt Almaty könnte man sich eigentlich ganz einfach orientieren. Da unser Apartmentvermieter uns aber keinen Stadtplan zur Verfügung stellt und an den Kiosken nur „Schundkarten“ erhältlich sind, haben wir anfänglich etwas Mühe, die für uns interessanten Orte (Lebensmittelgeschäfte, Restaurants und Biernachschubmöglichkeiten) ausfindig zu machen. Wir fackeln deshalb nicht lange rum und latschen – ziemlich underdressed versteht sich – in den nächsten 5-Sterne-Bunker, um drei Minuten später mit einer hervorragenden Stadtkarte endlich Almaty unsicher zu machen.

 

Auslegeordnung beim Kartenstudium mit Timur.
Auslegeordnung beim Kartenstudium mit Timur.

So klappern wir in den nächsten Tagen sämtliche Bikeshops Almatys auf der Suche nach einer Ersatznabe ab: Andreas‘ Hinterradachse zeigt seit Russland erste Verschleisserscheinungen. Um auf Nummer sicher zu gehen, versuchen wir eine komplette XT-Nabe aufzutreiben für den Fall, dass … Fazit dieser klassischen „Nadel-im-Heuhaufen-Sucherei“: Ein baugleiches Ersatzteil lässt sich nicht auftreiben – hier scheint alles auf Bikes mit Scheibenbremsen und Billigersatzteilen ausgelegt zu sein. Schade. Die ganze „Rumtingelei“ hat aber etwas äusserst Positives: Wir lernen dabei viele hilfsbereite Bike-fanatische Kasachen kennen. Unter ihnen Timur, ein IT-Fachmann der Weltbank, der sich in seiner Freizeit der lokalen Fahrradförderung verschrieben hat. Er ist uns eine super Hilfe bei der weiteren Streckenwahl, nimmt er uns doch mit seinen fundierten Gebietskenntnissen den Respekt vor der in Google Earth entdeckten Offroad Piste Richtung Karkara Valley, Kirgistan. Im Weiteren stellt er uns sogar noch GPS-Tracks zur Verfügung. Wir nehmen‘s vorweg: Ohne diese wäre die Orientierung trotz relativ gutem Kartenmaterial teilweise eher „haarig“ gewesen (Bachüberquerungen ohne Brücke, viele Trampelpfade).

 

Passhöhe: Immer wieder ein tolles Gefühl.
Passhöhe: Immer wieder ein tolles Gefühl.

Kurz hinter Almaty geht’s also endlich ab in die Berge zu den kasachischen Nomaden. Unser heutiges Nachtlager will jedoch hart verdient sein: Die Piste hoch zum Asy Plateau ist streckenweise grenzwertig steil und weist heimtückisch tiefen Schotter auf. Mehrmals müssen wir unsere „zentnerschweren Stahlrösser“ schieben. Oben angekommen wissen wir aber, dass sich der Krampf gelohnt hat: Eine mystische schier endlos wirkende Graslandschaft breitet sich vor unseren Augen aus. Wir haben ein weiteres kleines Paradies gefunden!

Da es sich in der baumlosen Graslandschaft schlecht verstecken lässt, ändern wir unsere Campingplatz-Strategie um 180 Grad: Wir nehmen all unseren Mut zusammen und fragen die hier im Sommer ansässigen Nomaden, ob wir unser Zelt in der Nähe ihrer Jurte aufstellen dürfen. … es ist bestimmt nicht verkehrt, sich bei den Nachbarn vorzustellen und ein paar Höflichkeiten auszutauschen.

 

Anita auf der Veranda unserer "Villa".
Anita auf der Veranda unserer "Villa".

Irgendwie scheinen wir denn auch bei der Wahl unserer Nachtlager stets einen guten Riecher zu haben: Unsere ersten „Nomaden-Gastgeber“ sind zwei geschäftstüchtige junge Kasachen, die hier oben einen florierenden „Jurten-Alkohol-Shop“ betreiben. Als Gegenleistung für unseren Englischunterricht, weihen sie uns in die Welt von Kurt (kasachischer Käse aus Kuh-, Schafs- oder Ziegenmilch) und „Kazakh Champanski“ (vergorene Stutenmilch) ein. Aus dem Gespräch mit den Norbul-Brüdern wird einmal mehr klar, wie unterschiedlich die Lebensentwürfe verschiedener Völker sein können: Der 21-jährige Aimbek ist bereits stolzer zweifacher Vater, während seine 37-jährige Mutter mit dem fünften Kind schwanger ist!? Dies erzählt er uns ganz beiläufig mit einer völligen Selbstverständlichkeit.

… vor dem Einschlafen diskutieren wir zwei noch kurz über die für unsere Begriffe eher "verzwickten" Verwandtschaftsverhältnisse dieser Familie. Wir kommen zum Schluss, dass das ungeborene Kind bereits zweifache/r Tante/Onkel ist – für uns ein etwas verstörender Gedanke, aber hier offenbar gang und gäbe.

 

Unberührte Natur: Da kommt Stimmung auf.
Unberührte Natur: Da kommt Stimmung auf.

Die von Anita in Google Earth mit viel Hingabe zusammengetragene Route stellt sich landschaftlich und von den weiteren Begegnungen her als „Sechser im Lotto“ heraus. Was uns das digitale Hilfsmittel jedoch vorenthielt, sind mordsmässige 22 % steile Steigungen, die wir nur noch „zu-zweit-ein-Fahrrad-schiebend“ erklimmen. Auch die steilen Abfahrten haben’s in sich: Sie sind eher kriminell und sollten eigentlich verboten sein. Dennoch – oder gerade deshalb – macht es gewaltigen Spass, durch die unberührte weitläufige Gebirgslandschaft zu „murksen“. :-)

 

Weitläufiges Kasachisches Hochland.
Weitläufiges Kasachisches Hochland.
Schier endlose Abfahrt: Auch das macht Spass.
Schier endlose Abfahrt: Auch das macht Spass.

Als sich ein etwas heftigeres Gewitter zusammenbraut, erspähen wir in der Ferne einen kleinen Lastwagen. Zuerst trauen wir unseren Augen nicht: „Wie um Himmels willen kommt diese Kiste hier hoch und was macht sie da überhaupt?“ Um den im roten Bereich kochenden Motor etwas verschnaufen zu lassen, hält der Chauffeur neben uns an. Das Standardgespräch nach dem „Woher, Wohin, Warum?“ haben wir mittlerweile auch auf Russisch intus. Der verblüffte Tatare schüttelt nur den Kopf und kann nicht glauben, dass wir hier mit dem Velo hoch wollen. Er offeriert uns seine Taxidienste. Doch irgendwie sind wir dafür zu stolz. Wir radeln also weiter, während er seinem Motor ... und vermutlich auch seiner Leber fürsorglich zuspricht.

 

Kamikaze-Taxi: Nur für Hartgesottene.
Kamikaze-Taxi: Nur für Hartgesottene.

Doch weit kommen wir nicht: Das Gewitter holt uns schneller ein, als gedacht. Also nochmals stoppen und Regenzeugs montieren. Wir werden zum zweiten Mal vom Lastwagenfahrer eingeholt. Nun offeriert er uns seine Hilfe mit Nachdruck und wir müssen uns eingestehen, dass unser Stolz heute ausserordentlich wasserempfindlich ist. So sind die Fahrräder und unsere Taschen rasch auf der Ladefläche verstaut und wir in die kleine Führerkabine gequetscht. Stossgebete ‘gen Himmel sendend rumpeln wir also mit dem alten Ungetüm die rekordsteile 7 km lange Rampe zur Passhöhe hoch. Der auf den goldenen Stockzähnen grinsende Chauffeur sieht sich bestätigt: „Niet velociped!“ – hier wärt ihr nie mit euren Fahrrädern raufgekommen. Hier geht’s offensichtlich nur mit einem alten umgebauten Lastwagen mit Jeep-Motor (die Schweizer MFK bekäme Schreikrämpfe), spezieller Übersetzung, ausserordentlichen Fahrkünsten und zünftig Wodka im Blut hoch ...

 

Gewitter vorbei: Da können wir wieder lachen.
Gewitter vorbei: Da können wir wieder lachen.

Als wir auf der Passhöhe aussteigen wollen, zeigt der gutmütige Sunnyboy die steile Piste runter und sagt schelmisch lächelnd nochmals: „Niet velociped!“. Obwohl wir kaum mehr wissen wie wir sitzen sollen und uns die Fahrt im Lastwagen halsbrecherischer als Radeln erscheint, quälen wir uns wieder in die enge Führerkabine. Wir schnallen‘s bald einmal: Wo’s steil hoch geht, geht’s meistens auch wieder steil runter. Und so ist‘s dann auch! Unter uns gesagt: Hier wurde uns zum ersten Mal etwas mulmig: „Kommen wir morgen ohne motorisierte Hilfe überhaupt wieder aus diesem Talkessel raus?!? Wird schon schief gehen …“ ;-)

 

Kasachisches Bergdorf - fernab vom Schuss.
Kasachisches Bergdorf - fernab vom Schuss.

Cyllik, so heisst der Lastwagenfahrer, hat dermassen Freude an uns, dass er uns kurzerhand zu sich nach Hause einlädt. Bald einmal stellt sich aber heraus, dass dies gar nicht SEIN zu Hause, sondern das Heim seiner „Geschäftspartner“ ist. Da die Bewohner dieses abgelegenen Tals lediglich über „vierbeinige 1-PSer“ verfügen, witterte der schlaue Cyllik sein Geschäft: Einmal monatlich nimmt er den Höllenritt in Kauf, um die landwirtschaftlichen Erzeugnisse der kasachischen Bergbewohner einzusammeln, um diese in die nächste Stadt zu bringen. Das alles erfahren wir bei einer feuchtfröhlichen Runde, deren Hauptrollen der heldenhafte Cyllik und der „gute-Leberwerte-für-Anita-opfernde“ Andreas spielen.

 

Wer sein Rad liebt, der schiebt.
Wer sein Rad liebt, der schiebt.

Entgegen unseren Befürchtungen ist der weitere Streckenverlauf und das Verlassen des Tals ein Hochgenuss! Wir müssen das Rad zwar noch kurze Passagen schieben, doch die atemberaubende Landschaft lässt uns diese verhältnismässig kleinen Strapazen schnell wieder vergessen. Nicht nur der malerischen Landschaft, sondern auch der zahlreichen herzlichen Begegnungen wegen ist der Abstecher in das kasachische Hochland ein absoluter Volltreffer. Immer im richtigen Moment offerieren uns die Einheimischen genau das, was wir uns wünschen – ohne, dass wir danach zu fragen brauchen. So erhalten wir einen ganzen Topf Reis, Butter und Brot, als unsere Futtervorräte langsam zur Neige gehen und trockene Schlafgelegenheiten als uns das Wetterglück mal etwas weniger hold ist.

 

Notunterstand um Gewitterregen zu entfliehen.
Notunterstand um Gewitterregen zu entfliehen.

„Wetter“ ist ein gutes Stichwort: Seit wir in den Bergen unterwegs sind, erleben wir klassisches Tagesgangwetter (d. h. das Wetter richtet sich nach der aktuellen Tageszeit und ist nicht von Jahreszeiten, Fronten und Tiefdruckgebieten bestimmt). Die nachmittäglichen Gewitter bescheren uns des Öfteren unfreiwillige Pausen und verwandeln Strassen kurzfristig in Bachbette. Solange der Strassenuntergrund steinig ist, stört uns dies nicht sonderlich. Besteht die Piste in tieferen Lagen jedoch aus Sand und Erde, wird’s richtig fies – Zutaten für die nächste Showeinlage! In der Hauptrolle: matschiger Weg; in der Nebenrolle: Browni‘s Vorderrad; in der Hechtrolle vorwärts: Anita! Pflatsch. :-(

 

Zur Abwechslung mal voll konzentriert. ;)
Zur Abwechslung mal voll konzentriert. ;)

… da hat Anita tatsächlich für einen ganz kurzen Augenblick ihr charmantes Lächeln verloren. Verständlicherweise: Derart von oben bis unten zugematscht sehen eigentlich nur St. Galler Openair Besucher aus. Als Anita ihre Fassung wieder gewonnen hat, kommt auch ihr Humor wieder zurück: „Derart weich bin ich schon lange nicht mehr auf dem Boden der Tatsachen aufgeschlagen!“ In der Tat: Ihre letzten drei Bruchlandungen waren diesbezüglich alles andere als beneidenswert. Entsprechend „verschlagen und verschürft“ sehen dann auch ihre Beine und Handflächen aus. (UMfall-Statistik erhöht sich somit auf 4.5 zu 0 für Anita).

 

Saftiges grünes Gras: Da wäre man gerne Pferd oder Kuh (Esel eher weniger).
Saftiges grünes Gras: Da wäre man gerne Pferd oder Kuh (Esel eher weniger).
Kurz vor der kirgisischen Grenze.
Kurz vor der kirgisischen Grenze.

Ein Land endet, ein Land beginnt. Die Grenze bildete bis jetzt oft ein Fluss, ein Meer oder ein Gebirgszug. Hier im Karkara Valley ist es ein vier Meter hoher Stacheldrahtzaun. Ein Stacheldrahtzaun mitten durch die grüne, von Nomaden bevölkerte Hochebene – ein ziemlich surreales Bild. Zwei Jahre lang war dieser kasachisch-kirgisische Grenzübergang verriegelt. Seit anfangs Juni ist hier zu unserem Glück wieder Leben eingekehrt! Alles scheint brandneu zu sein; so neu, dass die PC’s noch nicht einmal in Betrieb genommen wurden. Stattdessen herrscht hier weiterhin "Milchbüchliwirtschaft". Wir werden auf Seite 2 eines Buches, das den gesamten Schreibtisch einnimmt, verewigt.

 

Nach der Grenze in Kirgistan: Hitchcockmässig.
Nach der Grenze in Kirgistan: Hitchcockmässig.

Die Distanz zwischen dem kasachischen und dem kirgisischen Schlagbaum beträgt keine 20 Meter. Doch in Sachen „Tourismusfreundlichkeit“ liegen zwischen diesen beiden Ländern Welten: Während für Kasachstan ein Visum benötigt wird (welches aber problemlos zu erhalten ist) und eine „so-niemand-weiss-wirklich-wie’s-funktioniert-Registrierungspflicht“ beim OVIR besteht, können u. a. Schweizer visumsfrei 60 Tage in Kirgistan rumreisen. Das dem so ist, scheint dem kasachischen Grenzbeamten, der unsere Pässe wie wild nach dem kirgisischen Visum durchstöbert, völlig neu zu sein. Immer und immer wieder fragt er nach dem Kirgistanvisum. Immer und immer wieder sagen wir, dass wir keines brauchen. Er glaubt uns nicht. Doch irgendwann wird es ihm zu bunt und er lässt uns ausreisen. Wir staunen, wie schlecht dieser Grenzbeamte über das Land, das wenige Meter hinter seinem Rücken beginnt, informiert ist; obschon er sich mit seinen kirgisischen Arbeitskollegen problemlos auf Russisch verständigen könnte.

 

Könnte auch in der Schweiz sein.
Könnte auch in der Schweiz sein.

Bevor wir unser Zwischenziel Karakol anvisieren, radeln wir einen Umweg über zwei, drei kleinere Pässe. Positiv überrascht stellen wir fest, dass dieser Teil Kirgistans wirklich unglaubliche Ähnlichkeit mit der Schweiz aufweist. So fühlen wir uns mal im Weisstannen-, mal im Schils- und mal im Calfeisental. Wie zu Hause halt! :-) ... dafür hätten wir eigentlich keine 6'000 km radeln müssen, stellen wir belustigt fest - wir geniessen unseren vorübergehenden "Heimaturlaub" trotzdem.

 

Zivilisation in Reichweite.
Zivilisation in Reichweite.

Unsere Rückkehr in die Zivilisation wollen wir mit einem leckeren Festmahl feiern. Mit unseren schmutzigen Bikes rollen wir verschwitzt und etwas „abgekämpft“ im gemäss Lonely Planet besten Restaurant Karakol‘s vor. „Eine englische Speisekarte … Wow!“ Das hatten wir schon lange nicht mehr und so ist denn auch schnell bestellt: Eine ordentliche Portion Fleisch gehört jetzt auf den Tisch! Die vielen fleischlosen Tage haben bei unserem „Gluschtschwein“ (Anita's Pendant zum inneren Schweinehund) offensichtlich ordentlich Spuren hinterlassen. :-) Was derart vielversprechend begonnen hat, artet jedoch schnell aus: Zuerst überholen uns „serviertechnisch“ sämtliche Einheimische, die wohlgemerkt nach uns aufgetaucht sind und bestellt haben. Als dann geschlagene 94 Minuten nach unserer Bestellung aufgetischt wird, ist es alles andere als das, was wir eigentlich geordert haben! Andreas‘ Stimmung kippt rapide, als er statt 400 Gramm saftiger LAMMkottelets einen grossen Haufen fetttriefendes Schafffleisch – an Knochen, die so lang wie seine Unterarme sind – vor sich sieht. Auch Anita „haut es den Nuggi raus“: Knapp zwei Stunden nach dem Verspeisen der zähen Hühnerbrust, mit heftigen Bauchschmerzen … auf dem stillen Örtchen.

Ironisch: In den letzten Tagen lebten wir hygienetechnisch hart an der Grenze. Wir assen von Nomaden offerierten Kurt, der vor Fliegen wimmelte; tranken vergorene Stutenmilch, die so richtig reinknallte; futterten löffelweise Butter, die die besten Tage definitiv hinter sich hatte und mampften Reis, der schon mindestens eine Woche in der Jurte vor sich hin gammelte … Unsere Mägen machten alles problemlos mit; doch jetzt in der „sauberen Zivilisation“ erwischt es Anita volle Breitseite. Wie war das jetzt nochmal: Auch das gehört zu einer Reise – auch das geht wieder vorbei!

 

Foto leider nicht von uns: Inylchek Gletscher.
Foto leider nicht von uns: Inylchek Gletscher.

In Karakol wollten wir unserer Reise ein weiteres Highlight hinzufügen: Ein Trekking entlang des längsten Gletschers Zentralasiens (Inylchek Glacier, 62 km lang und über 3 km breit) zum Merzbakher Lake mit dem Endziel Inylchek Base Camp am Fusse des Khan-Tengri (7‘010 m ü. M.) und Pobeda Peak (7‘439 m ü. M.). WollTen: Jetzt, mit der bei Anita seit drei Tagen andauernden Magen-Darm-Grippe, die ihr gewicht- und kräftemässig an die Substanz gegangen ist und mit dem UMfallbedingt immer noch schmerzenden Knie, beginnen wir an unserem Plan zu zweifeln.

 

Auf dem Weg zum Ala Köl Pass.
Auf dem Weg zum Ala Köl Pass.

Schlussendlich obsiegt die Vernunft: Wir fassen den Entschluss, dieses Projekt für den Moment ruhen zu lassen und irgendwann mal wieder hierhin zurückzukehren. Um im Sinne eines Kompromisses doch noch etwas von der eindrücklichen Bergwelt rund um Karakol zu Gesicht zu bekommen, brechen wir zu einer dreitägigen Wanderung über den Ala Köl Pass (3‘810 m ü. M.) auf. Rucksäcke und Wanderstöcke sind gemietet, unsere Klick-Schuhplatten von unseren Veloschuhen abgeschraubt und Lebensmittel für drei Tage eingekauft. Bei strahlendem Wetter marschieren wir also top motiviert los. Kaum die letzten Häuser hinter uns gelassen, fühlen wir uns wiederum 100 % wie in der Schweiz! … das Einzige was nicht so schweizerisch ist, ist die schlechte Qualität unserer Wanderkarte und die fehlenden Wanderwegmarkierungen. So müssen wir zugeben, dass wir zwei, drei Mal doch froh um unser GPS und den im Internet gefundenen GPS-Track sind. Was doch mit heutiger Technik alles möglich ist!? :-)

 

Traumhafter Lagerplatz / fleckiger Andreas.
Traumhafter Lagerplatz / fleckiger Andreas.

Trotz den verhältnismässig vielen WC-Stopps von Anita kommen wir gut voran und erreichen unseren Campingplatz bereits am frühen Nachmittag. Wir geniessen die Ruhe, die wunderschöne einsame Bergwelt, ein Bad im kalten Bergbach und das Gefühl von Freiheit. Tiefe innere Zufriedenheit, Dankbarkeit und Glücksgefühle breiten sich in unserem Körper aus. Früh legen wir uns schlafen, um am nächsten Morgen zeitig – ausgeruht – die zweite Etappe in Angriff zu nehmen. Damit enden vorübergehend dann auch die schönen Momente dieses Ausfluges: Den grössten Teil der Nacht verbringen wir beide nämlich mehr draussen hinter den Bäumen wie drinnen im Zelt. Damit hat’s nun auch Andreas erwischt. Diagnose: Ein klassischer Fall von V.H.F.-Diät (Vorne-Hinten-Flüssig)! Als wir am nächsten Morgen sehen, was wir des Nachts rund ums Zelt alles bewerkstelligt haben, entscheiden wir uns, nicht weiter in die „Todeszone“ vorzudringen.

 

Starker Regenfall sorgt für nasse Füsse.
Starker Regenfall sorgt für nasse Füsse.

Ein vernünftiger Entscheid: Bereits zwei Stunden nach unserem Start sehen wir ein riesiges Gewitter aufkommen. Wir schaffen es gerade noch unser Zelt wieder aufzubauen und uns ins Trockene zu retten. Für die nächsten 22 Stunden lauschen wir tief in unsere Schlafsäcke verkrochen dem heftigen Regen, der gegen unser Zelt peitscht und dem angsteinflössenden Donnergrollen. Zum Glück wissen wir, dass unser Zelt Langzeit-Wetterfest ist. Doch wie immer: Rückblickend, jetzt gemütlich in Karakol vor dem Cheminée sitzend, war es eine perfekte Traumtour! … dank Youtube wissen wir auch, wie die Aussicht beim Erreichen der Passhöhe bei gutem Wetter gewesen wäre: http://www.youtube.com. Also nochmals ein Hoch auf die heutige Technik!

... nur eines schafft sie nicht: uns den Appetit zurück zu bringen. Mal schauen, wann der wieder kommt. Wir hoffen aber bald. Anita stellte gestern nämlich – im wahrsten Sinne des Wortes – nüchtern fest, dass sie ihre Hose ohne Knopf und Reisverschluss zu öffnen, ausziehen kann. :-/

 

Beinahe kitschig: Campingplatz-Highlight.
Beinahe kitschig: Campingplatz-Highlight.

Sobald wir wieder etwas fitter sind, radeln wir im Zickzackkurs weiter durch Kirgistan Richtung Osh, wo wir „doppelte Halbzeit“ feiern: Kilometer- (7‘000) und monatsmässig! Wie schnell doch die Zeit vergeht!? Eines steht aber jetzt schon fest: Von Reisemüdigkeit ist bei uns noch keine Spur. Wir geniessen unser Nomadenleben weiterhin in vollen Zügen.

 

Was Kirgistan sonst noch alles für Überraschungen für uns bereithält und wie uns der Grenzübertritt nach China gelungen ist, erfährst Du im nächsten Reisebericht.

 

Die 5. Etappe bis Karakol (Kirgistan) in Bildern: