Do

31

Okt

2013

#11

Alles hat ein Ende ... leider auch unser "Radreisli". Hier der letzte Bericht "Grosses Finale ... pünktlich zur Rush Hour in Hong Kong".

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Di

08

Okt

2013

#10

Und endlich gibt's wieder was auf die Augen: "Goldener Herbst ... mit kleineren Turbulenzen" ist voraussichtlich unser zweitletzter Bericht. Ja, Hong Kong und damit das Ende unseres Radabenteuers rückt unaufhaltsam näher. Wir geben weiterhin Vollgas!

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Di

17

Sep

2013

#9

Für einmal lassen wir Dich nicht all zu lange zappeln! Hier bereits der nächste Reisebericht von den glücklichen China-Stramplern: "Buntes Osttibet ... wird umgekrempelt." 

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Almaty (Kasachstan), 21. Juni 2013

Russische Sauna ... sorgt für zügiges Vorankommen.

Im Land von Marx, Lenin (s. oben) & Stalin.
Im Land von Marx, Lenin (s. oben) & Stalin.

Als Vorbereitung für unseren dreiwöchigen „Süd-Russlandfeldzug“ haben wir gefühlte 100 Reiseführer und 1‘000 Internetforen nach brauchbaren Hinweisen durchkämmt. Nüchtern stellen wir einmal mehr fest: Papier und Internet nehmen alles an - manch vermeintlich Hilfreiches entspricht so gar nicht der Realität! Wo wir unsere russischen Klischees überall revidieren mussten, erfährst Du im 4. Teil.

 

Unsere „grundsoliden“ Recherchen ergaben ungefähr folgendes Russlandbild:

- Der Grenzübergang auf dem Lande sei mühsam und dauere ewig.

- Alle paar Kilometer müsse mit Polizeikontrollen gerechnet werden, wobei

  Ausländern gerne mal willkürliche Bussen auferlegt würden, um das mickrige

  Staatsgehalt aufzumöbeln (Stichwort Korruption).

- Russen müssen zu Fremden so unfreundlich sein, wie alle bisher von uns

  bereisten „Mutschni-Grind-Länder“ zusammen. Wer es aber schaffe, von einem

  Russen eingeladen zu werden, der erfahre echte russische Gastfreundschaft.

- Vodka sei Staatsgetränk Nr. 1.

- Fussgänger stünden in der Verkehrsordnung ganz weit unten – noch weiter

  unten figurierten nur noch Fahrradfahrer, auf die russische Autofahrer regelrecht

  Jagd veranstalten.

- Wer mit 25 noch nicht verheiratet sei und für (Militär-) Nachwuchs gesorgt habe,

  werde überall mitleidig belächelt.

 

Schlaglochfreie Strassen - was für eine Wohltat.
Schlaglochfreie Strassen - was für eine Wohltat.

Mit diesen nicht gerade aufbauenden Infos und dementsprechend flauem Magen stehen wir vor der russischen Grenze: Nervosität und Puls kraxeln in ungeahnte Höhen, dass es kaum mehr auszuhalten ist. Und zack – fünf Minuten später ist der ganze Spuk bereits wieder vorbei! So viel Aufregung für nichts!?! Noch selten sind wir so professionell und speditiv an einem visumspflichtigen Grenzübergang abgefertigt worden. Hut ab! … und dies wohlgemerkt mit Fahrrädern, obschon diese in Russland nicht als offizielles Einreiseverkehrsmittel zugelassen sind. Müssen wir hier bereits das erste Russenklischee über die Klinge springen lassen? … wir warten erst mal noch ab und beobachten weiter; schliesslich solle man den Tag nicht vor dem Abend loben! Und so radeln wir „Kaaalinka, kaaalinka, …“-singend auf einer wunderbar geteerten – schlaglochfreien – Strasse Richtung Taganrog. Da Visum-Inhaber sich in Russland registrieren müssen, checken wir dort gleich mal in ein gutes Hotel ein, welches uns die lästige Meldepflicht abnimmt.

 

Eingangs Rostov-on-Don.
Eingangs Rostov-on-Don.

Wir sind froh, nach einem anstrengenden Radtag mit Gegenwind die Stadtgrenze zu Rostov-on-Don zu erreichen, als uns ein älterer Herr anspricht. Es sprudelt vor Begeisterung förmlich aus ihm heraus und so merkt er nicht gleich, dass wir kein Wort verstehen. „Njet Ruski, njet Ruski!“, halten wir ihm entgegen. Und dann geschieht etwas Unerwartetes: Er beginnt Englisch zu sprechen!? Und so stellt sich raus, dass er ebenfalls gerne radreisenderweise unterwegs ist. Als wir ihn in unseren Plan, nach Hong Kong zu radeln, einweihen, lädt er uns kurzerhand zu sich nach Hause ein, um mehr über uns und unser Projekt zu erfahren. Auf der kurzen Fahrt dorthin malen wir uns bereits ein wüstes Wodka-Saufgelage aus. Der arme Andreas sieht sich bereits in der Rolle des aufopfernden Märtyrers. … doch weit gefehlt: Bei Tee, Schwarzbrot und Käse zog uns der ausserordentlich interessierte Vadim sämtliche Würmer zur Nase raus.


Unser "rotlichtfressender Einbahn-Vadim".
Unser "rotlichtfressender Einbahn-Vadim".

Nach diesem gemütlichen Schwätzchen anerbietet er sich, uns mit seinem Rad vorausfahrend zu unserem Hotel zu bringen. Wir behalten für uns, dass wir bereits die Koordinaten fein säuberlich in unser GPS eingegeben haben und freuen uns über sein liebgemeintes Angebot. Wir schwingen uns auf unsere Räder; doch weit kommen wir nicht: Er müsse noch kurz zu seinem Nachbarn … Okay, Trophäenschau (im Sinne von: „Schau mal her, ich hab zwei Westler aufgegabelt!“), denken wir. Aber nein: Vadim muss sich bei seinem Nachbar „lediglich“ nach dem Weg zu unserem Hotel erkundigen – lustiger Kerl; wir versuchen unser breites Grinsen zu verbergen. Wie er uns dann aber durch Rostov schleust, ist schon beinahe filmreif: Mit jeder Pedalenumdrehung wird uns dieser weltoffene Russe sympathischer. Gekonnt ignoriert er Einbahntafeln und Rotlichtsignale – wir fühlen uns beinahe wie in Zürich! Und so stehen wir Dank des „rotlichtfressenden Einbahn-Vadims“ in Nullkommanix vor unserer Rostover 4-Sterne-Bleibe. Wir bedanken und verabschieden uns von unserem besonderen Taxifahrer. … und treten bereits ins nächste Fettnäppchen: Zusammen mit zwei Hochzeitsgesellschaften trippeln wir dem roten Teppich entlang Richtung Hoteleingang. Die Räder hinterlassen lustige Staubspuren und wir eine sportliche Duftnote. Derart schlecht getarnt fliegen wir bald einmal auf: Freundlich aber bestimmt werden wir vom Personal gebeten, den Hintereingang zu benutzen. :-) Uns die Bäuche haltend vor Lachen tun wir, wie uns gesagt wurde. Dieser verkorkste Nobel-Hoteleinzug gehört dann wohl definitiv in die Kategorie „grosses Kino“.

 

Irgendwo im grünen Nirgendwo.
Irgendwo im grünen Nirgendwo.

Nach zwei erholsamen Tagen in Rostov, geht’s weiter Richtung Wolgodonsk. Dorthin unterwegs werden wir Zeugen einer traurig-tragischen Geschichte, die locker aus einem alten Charly Chaplin Film stammen könnte:

Schon von Weitem sehen wir dunkle Rauchschwaden am Himmel. Wir vermuten entweder bald an der lokalen Kehrichtverbrennungsanlage (Mülldeponie, die irgendwann mal in Brand geraten ist) vorbei zu kommen oder durch ein dreckiges Industriegebiet radeln zu müssen. Je näher wir der Rauchsäule jedoch kommen, desto deutlicher lässt sich erkennen, dass es sich um einen Hausbrand handeln muss. Als wir die ebenerdige Behausung dann endlich sehen, sind Anwohner bereits dabei Tiere, Auto und andere Habseligkeiten in Sicherheit zu bringen. Auch die Polizei ist bereits vor Ort wohl um die drei Schaulustigen in Schach zu halten. … uns braucht’s hier definitiv nicht auch noch und so radeln wir nachdenklich weiter, während die Flammen bereits zum Dach rauszüngeln. Hier wird gerade eine Existenz, vielleicht sogar ein Lebenswerk zerstört – wo bleibt da eigentlich die Feuerwehr?!? Gibt es eine solche auf dem russischen Land überhaupt? … diese Frage wird wohl unbeantwortet bleiben, denken wir und strampeln weiter.

Eine halbe Stunde bzw. zehn Kilometer später: die nächste, wenngleich kleinere Rauchwolke. Noch ein Hausbrand, hier Draussen wo’s keine Feuerwehr gibt?! Wir biegen um die Kurve und was wir da sehen, verschlägt uns beinahe die Stimme. Trotzdem rufen wir jubelnd: „DA IST SIE ENDLICH, DIE FEUERWEHR!“ Die russischen Feuerwehrmänner ihrerseits finden‘s weniger lustig; sie sind nämlich gerade schwer damit beschäftigt, den gröberen Motorbrand ihres TLF’s zu löschen. Tja, immerhin sind die Fachleute diesmal ja gleich vor Ort. … für die Rettung des kleinen Bauernhaus sehen wir aber eher schwarz.

 

Gelungener Schnappschuss bei voller Fahrt.
Gelungener Schnappschuss bei voller Fahrt.

Die Strecke zwischen Wolgodonsk und Saratov ist durch einige (unfreiwillige) Rekorde geprägt: Ursache dafür ist die seit Wochen anhaltende Hitzewelle, die nicht nur unser Thermometer bis auf 47 Grad Celsius (KM-Zähler/Thermometer direkt der Sonne ausgesetzt) hat klettern lassen, sondern die auch zu einer Stechfliegenplage geführt hat. Eigentlich sind wir uns gewohnt, unsere 100 bis 120 km langen Radtage ab und an mal durch ’ne Pause zu unterbrechen. Kurz nach Wolgodonsk wollen wir wiederum eine solche kleine Rast einlegen, als uns „Hundertscharen“ von lästigen kleinen Stechfliegen um die Ohren sausen. Abgehärtet von den Donau-Killermücken versuchen wir, die neuerlichen Plagegeister zu ignorieren. Aber als uns die (bitte entschuldige den Ausdruck) nervigen Sauviehcher beginnen in Nase, Ohren und Augen zu kraxeln, ist’s mit unserer Gelassenheit definitiv vorbei: Wir erklären den aufmüpfigen Eintagsfliegen den Krieg!


Eindrücklich: Hier gibt's nichts - aber davon reichlich!
Eindrücklich: Hier gibt's nichts - aber davon reichlich!

Unsere Kapitulation lässt jedoch nicht lange auf sich warten, denn diese immer gleich schwarmweise auftauchende Insektenplage lässt einen weder mal kurz den Bidon nachfüllen, noch ’n Müsliriegel futtern – es ist zum Verzweifeln! … interessanterweise lassen uns die Biester ab einer Fahrtgeschwindigkeit von exakt 19 km/h in Ruhe. Heureka! Von nun an erledigen wir also alles während dem Radfahren: Fotografieren, Essen, Zähneputzen, … nur Wasser lässt sich bei der Geschwindigkeit nicht so leicht „vom Fahrrad runter lösen“. :-) Ohne es gross zu merken, werden unsere Tagesetappen dadurch länger und länger.


Zivilisation immer noch in Sichtweite.
Zivilisation immer noch in Sichtweite.

Das mit den doofen Sandfliegen stimmt uns etwas traurig, denn hier in Süd-Russland lassen sich wunderschöne versteckte Plätzchen finden, um das Zelt sichtgeschützt aufzustellen. Doch bei der vorherrschenden Fliegenplage macht Campieren „massiv Minus-Spass“ (Andreas‘ neuster Ausdruck, nachdem er sich vorgenommen hat, weniger in die Kraftausdrücke-Kiste zu greifen und sich positiver zu artikulieren). So sind wir froh, abends jeweils ein schlichtes Hotel zu finden, wo wir immer sehr herzlich aufgenommen werden. Bemerkenswertes Detail: Sämtliche Rezeptionistinnen, die wir in den letzten Tagen kennen gelernt haben, heissen Olga! … hmm, zeugt nicht gerade von grossem Einfallsreichtum, Kinder entlang der Wolga auf den Namen Olga zu taufen? Aber was soll’s: Wir sind auch nicht besser; bei uns gibt es ja auch „R(h)eini’s“.

 

Unsere Fähre über die Wolga.
Unsere Fähre über die Wolga.

Einem unserer Vorurteile verhelfen die Olga’s dann aber doch zum Durchbruch: Als sie jeweils realisieren, dass wir unverheiratet sind, beginnt eine lange unverständliche russische Predigt und mitleidiges Lächeln. So à la Motto: „Meitli du musst dich beeilen; auf einmal ist es zu spät für Nachwuchs!“ Andreas bekommt von diesen Frauengesprächen meist nichts mit. Doch auf der Fähre über die Wolga wird er von der Fähr-Kiosk-Frau, die zufälligerweise ;) auch Olga heisst, direkt angesprochen. Er erklärt der ihm gegenüber „Bauch-Geste machenden“ Olga jedoch etwas irritiert, dass er doch bereits fleissig an seinem Wohlstandsbäuchlein arbeite und sich deshalb (nach Möglichkeit) jeden Abend ‘n Bierchen gönne … Aber die Radfahrerei mache sämtliche seiner Bestrebungen wieder zunichte. :-)

 

Einfahrt ins "langezogene" Wolgograd.
Einfahrt ins "langezogene" Wolgograd.

Mittlerweile haben wir ja bereits die eine oder andere Metropole durchradelt. Doch Wolgograd ist definitiv eine Stadt der Superlative: Bei Tageskilometer 65 erreichen wir die Ortstafel, bei Kilometer 102 das Stadtzentrum und bei Kilometer 115 unsere Unterkunft!? Der Blick auf unsere Strassenkarte zeigt denn auch, dass Wolgograd rund 70 km lang aber oftmals nur 2 Kilometer breit ist. Dementsprechend einfach ist die Orientierung: Immer schön alles geradeaus! :-) Doch nicht nur deswegen wird uns Wolgograd, das vielen eher unter dem Namen Stalingrad bekannt sein dürfte, noch lange in Erinnerung bleiben: Hier bekommt der trockene und meist surreal wirkende 2. Weltkrieg-Geschichtsunterricht ein mächtiges Profil. Auf Schritt und Tritt wird dem Wolgograd-Besucher in Form von Kriegs- bzw. Gefallenen-Denkmälern, Museen, Soldatenfriedhöfen und anderen Mahnmalen das verheerende Ausmass der hier stattgefundenen „Schlacht von Stalingrad“ (symbolischer Wendepunkt für die Truppen des Deutschen Reiches im zweiten Weltkrieg; Winter 1942/1943) vor Augen geführt. Besonders eindrücklich ist neben dem Soldatenfriedhof in Rossoschka insbesondere die Gedenkstätte auf dem damals hart umkämpften Mamajew-Hügel. Hier errichteten die Sowjets 1967 die höchste freistehende Statue der Welt, die „Mutter Heimat ruft“ heisst und eine kämpferische Russin mit Schwert darstellt. Der Spaziergang zum Sockel der riesigen Statue ist sehr eindrücklich. Der Gedanke daran, wie viele junge Menschen damals in den Kriegswirren sinnlos ihr Leben verloren haben, löst in uns einerseits ein beklemmendes Gefühl aus, andererseits auch grosse Dankbarkeit für unser privilegiertes Aufwachsen in einer praktisch sorgen-, vor allem aber konfliktfreien Umgebung.

 

"Mutter Heimat ruft" (Mahnmal zur Schlacht von Stalingrad):

Entspanntes Campen nur mit Moskitohut.
Entspanntes Campen nur mit Moskitohut.

Neben der Mission „Geschichtsunterricht auffrischen“, beabsichtigen wir auch, uns in Wolgograd mit Moskitohüten auszurüsten, was uns auf Anhieb gelingt. Zwischen Wolgodonsk und Wolgograd fanden wir wie erwähnt glücklicherweise immer eine Schlafgelegenheit, um uns vor den vielen Stechfliegen in Sicherheit zu bringen. Auf der bevorstehenden Etappe zwischen Wolgograd und Saratov entlang des östlichen Wolga-Ufer’s lässt die Karte hingegen ziemliche Einsamkeit vermuten, was Campieren und damit eine „topseriöse Sandfliegen-Abwehrstrategie“ unumgänglich macht. … und so ist’s dann auch: Wir radeln knappe 400 km durch die menschenleere topfebene russische Steppe. Dabei knacken wir zwei weitere Rekorde: Unglaubliche 44 Grad (KM-Zähler/Thermometer der Sonne ausgesetzt) bereits morgens um 08:38 Uhr und eine „fliegenbedingte“ Tagesetappe über für uns beachtliche 192.25 Kilometer!?!

Dass wir hier radfahrtechnisch pro Tag ungewöhnlich weite Strecken hinter uns bringen liegt nicht nur an der Topographie und an den zu Höchstleistungen anspornenden Stechfliegen, sondern auch an der Tatsache, dass die Sonne zu dieser Jahreszeit erst nach 22:00 Uhr untergeht: Vor 21:00 Uhr ist es uns schlichtweg zu heiss, unser Zelt aufzustellen, um uns vor den Stechfliegen in Sicherheit zu bringen. Am Abend im Zelt vor uns hinschwitzend wünschen wir uns zum ersten Mal auf unserer Reise etwas Regen oder zumindest einen bedeckten Himmel.


Hier noch harmlos: Gewitterzelle.
Hier noch harmlos: Gewitterzelle.

Als wir dann am nächsten Morgen in der Ferne eine Gewitterfront entdecken, setzen wir vor Freude zu einem kleinen Regentänzchen an. Tatsächlich: Gegen 10:00 Uhr beginnt es leicht zu tröpfeln, gegen 11:00 Uhr strätzt es schon ordentlich und wir können uns endlich wieder mal etwas abkühlen. Was für ein herrliches Gefühl! Nach 60 Tagen Sonnenschein schlüpfen wir das erste Mal wieder in unser Regenzeugs und geniessen die erträglicheren Temperaturen. Weniger genussvoll ist dann aber die verregnete „Einfahrt“ in die Millionenstadt Saratov: Die sich an Dreck, Staub und Trockenheit gewohnte Metropole verfügt über kein funktionierendes Regen-Abwassersystem – die Strassen gleichen da schnell mal venezianischen Wasserwegen. Wasser in Kombination mit Dreck und Sand ergibt eine wunderbar tolle Schmiere: Diese überzieht unsere Bikes, unsere Taschen und uns komplett mit einem hartnäckigen Schlammfilm. Bekannt für kreative Lösungsansätze fahren wir deshalb kurzerhand bei einer Tankstelle vor, wo nebst Luftkompressor auch meist eine Wasserspritze zu finden ist. :-) … Du hättest die Gesichtsausdrücke der Saratover sehen sollen, als wir beiden Dreckmichels vorfuhren und uns ‘ne Wasserschlacht lieferten, wie sie diese Stadt noch nie gesehen hat! ;) Das war einfach zu köstlich. Und was lernen wir daraus …? Auch ein Regentag kann durchaus etwas Erquickendes haben.

 

Unsere alten Postautos erobern Russland.
Unsere alten Postautos erobern Russland.

Die aus unserer Sicht eher „molochige“ Stadt Saratov (mit Ausnahme der Altstadt) ist Ausgangspunkt unseres nächsten glorreichen Streichs: Unser Plan war eigentlich wiederum sehr gut durchdacht. … und eigentlich konnte dabei auch praktisch nichts schiefgehen. Eigentlich.

Um die eintönige Strecke durch die kasachische Steppe möglichst schnell hinter uns zu bringen und mehr Zeit für die eindrückliche kirgisische Bergwelt zu haben, entschieden wir uns für eine gemütliche Zugsreise nach Almaty. Anita’s Schwester – die engagierteste, originellste und beste SBB-Reisefachberaterin der Schweiz! – organisierte uns in nervenaufreibender Schwerstarbeit Zugtickets. Da in Russland nur Zug fährt, wer ein offizielles gestempeltes Papierchen vorweisen kann, nützen uns die vorab ausgedruckten eTickets leider nichts. Die Originaltickets müssen uns per TNT nach Saratov geschickt werden. Eigentlich keine Hexerei, oder? Doch beim Einchecken in unser Hotel sind da keine Tickets für uns hinterlegt!?! Super. Also beginnen wir ab Freitagabend zu bibbern, ob wir am kommenden Montag überhaupt in den für uns reservierten und bereits bezahlten Zug einsteigen können … Etliche Stunden akribischer Recherche nach unserer Sendung und unzählige Telefonate später – wow, was für’n Horror-Wochenende – gelingt es uns, die Tickets gerade mal zwei Stunden vor Zugsabfahrt in die Finger zu bekommen. „Just-in-time-Prinzip“, nennt sich dann das wohl. Quintessenz daraus: Russland ist eben nicht Rumänien und KIRA Reisen eben nicht ganz so gewissenhaft bei der Adressierung der kostbaren Sendung wie unsere Eltern.



Aussicht in den molochigen Teil Saratov's.
Aussicht in den molochigen Teil Saratov's.

Da gibt’s noch die Sache mit dem russischen Gesetz und der Registriererei. Wir legten Wert darauf, dass wir bei Ankunft in Russland mal registriert wurden. Danach machten wir kein grosses Büro mehr draus und nahmen‘s diesbezüglich recht entspannt. Was soll uns schon passieren?

Soeben wurden uns also die Bahntickets ausgeliefert und wir packen unsere Sachen, um zum Bahnhof zu stürmen, als die Rezeptionistin die Notbremse zieht: Die Hotelangestellte in Saratov kann mit unserer Entspanntheit überhaupt nichts anfangen. Beinahe hysterisch erklärt sie uns, dass unsere lückenhafte Registrierung ein GROSSES Problem darstelle. Etwas unter Zeitdruck stehend versuchen wir der gestandenen Russin, den russischen „way of law“ zu erklären – ein „Strengstens verboten“ bedeutet lediglich, dass man es beim Übertreten nicht zu doll übertreiben soll. ... das Letzte, was wir jetzt gebrauchen können, ist Theater mit einer übereifrigen Rezeptionistin! Während sich die Hotelangestellte beinahe einen Nervenzusammenbruch mit uns einhandelt, bleiben wir bei der festen Überzeugung, dass es schon gut kommt. Und so lassen wir sie kurzerhand „kochend“ links liegen.

Eines bereits vorweg: Bei unserer Ausreise aus Russland fragt keine Sau nach dem bürokratischen Registrierungsquatsch. Im Gegenteil, die russischen wie auch die kasachischen Grenzbeamten interessieren sich viel mehr für unsere Reisepläne, unser „exotisches“ China-Visum und für unsere Fotos aus der Schweiz. Alle waren sich denn auch einig, dass wir ziemlich „malatzi“ seien. Was auch immer das bedeuten mag ...

 

Einfahrt unseres Zuges nach Almaty.
Einfahrt unseres Zuges nach Almaty.

Wir merken schnell, dass unser dreitägiges Zugreisli eine weitere Erfolgsgeschichte werden wird – jetzt, wo wir die Tickets endlich in Händen halten. Es ist denn auch Sympathie auf den ersten Blick: Die zwei Zugbegleiter unseres Wagen Nr. 5 schliessen uns sofort in ihre Herzen und gestalten uns den Aufenthalt in unserer knapp 4 m2 grossen „Zelle“ so angenehm wie möglich. Dass wir derart viel Plunder dabei haben, stört sie nicht im Geringsten. Mit unseren bescheidenen Russischkenntnissen (jeden Tag ein paar neue Wörter), Händen und Füssen führen wir einige interessante Gespräche. Die Zeit vergeht „wie im Zug“, obschon dieser vor lauter Zoll- bzw. Passkontrollen (mehrmalige Grenzübertritte zwischen Russland und Kasachstan) mehr steht als fährt. Zwischenzeitlich ist uns damit auch klar, wieso man für diese Strecke drei Tage benötigt … Auf alle Fälle haben wir uns wunderbar erholt und dabei für ordentlich Unterhaltung gesorgt.

 

Eine der "fliegenden" Händlerinnen.
Eine der "fliegenden" Händlerinnen.

Eigentlich passiert Dir so was nur in einem Alptraum: Du träumst, Du seist im Zug unterwegs und gehst bei einem Zwischenstopp raus, Dich bei den fliegenden Händlern mit Ess- und Trinkbarem einzudecken. Während Du noch mühsam das Geld für die vielen Leckereien rausgrübelst, realisierst Du, dass Dein Zug bereits wieder losfährt! So geschehen am 18. Juni 2013 irgendwo im Niemandsland Kasachstans. In der Hauptrolle: Anita. In der Nebenrolle: der Zug Nummer 8 von Moskau via Saratov nach Almaty. In der Neben-Neben-Rolle: der auf Biernachschub wartende Andreas. Dass Anita es doch noch auf den Zug geschafft hat, verdankt sie ihrem hellwachen Verstand, ihren flinken Beinen und ’ner ganz grossen Portion Glück. ... der „hollywoodreife“ Hechtsprung auf den letzten Wagen des fahrenden Zuges hätte ja auch ins Leere gehen können.

Lektion gelernt: Zwischenstopps enden ohne Vorwarnung, unberechenbar, abrupt! … aber der Gratis-Adrenalinschub war nicht schlecht. :-)

 

Da war Andreas' (Bier-) Welt noch in Ordnung.
Da war Andreas' (Bier-) Welt noch in Ordnung.

Kurz bevor wir Almaty erreichen, erlebt auch Andreas eine kleine Schrecksekunde: Sein (zur besseren Kälteisolation in ein Frotteetuch eingewickeltes) Bier geniessend, klopft es zum hundertsten Mal an unserer „Zimmertür“. „Documenti, Documenti!“, hören wir. „Nein, nicht schon wieder!“, denken wir uns. Omar, der letzte kasachische Grenzbeamte, treibt es dann aber doch auf die Spitze: Als er Andreas‘ komisch eingewickelte Bierflasche entdeckt, ist für ihn klar: Da ist eine saftige Busse fällig! Er schleppt Andreas samt Corpus Delicti zur Zugbegleiterkabine, wo er ihm eröffnet, dass dies in Kasachstan verboten sei und er eine Busse über 4‘500 Tenge (ca. CHF 30.00) zu zahlen habe. „Hoppla, da bin ich wieder in was reingeraten.“, denkt sich der vermeintlich Fehlbare, drei Mal leer schluckend. „Für 4‘500 Tenge bekommt man hier ’ne Menge Bier! Womit hab‘ ich diese Schmach nur verdient?“ … das verschwörerisch abgekartete Spiel zwischen den lustigen Zugbegleitern und dem vermeintlichen Grenzbeamten durchschauend, krempelt Andreas seine leeren Säcke von innen nach aussen und gibt ihm damit zu verstehen, dass hier nichts zu holen ist. Und siehe da: Er lässt ihn ungeschoren davonkommen. ... wie uns Haider, der jüngere Zugbegleiter, tags zuvor erklärte, nehmen normalerweise nur einheimische Russen und Kasachen die endlose Zugsreise auf sich, weil sie sich kein Flugticket leisten können. So bekommen wir immer mehr das Gefühl, dass nur noch in unserem Abteil nach den Pässen gefragt wird – so à la „Ich möchte mal die zwei doofen Schweizer, die freiwillig drei Tage mit ungeduschten Menschen in einem vor Hitze kochenden Zug verbringen, kennenlernen.“. ... dies erklärt vermutlich auch Omar’s schräge Bier-Showeinlage.

 

Russische Steppe.
Russische Steppe.

Unser Fazit zu (Süd-) Russland: Beeindruckende Weiten; interessanter Stadt-/Land-Kontrast; etwas teurer als erwartet (nach den durchaus preiswerten Ländern, wie der Ukraine, Rumänien, Bulgarien und Serbien pfiff uns in Russland „kaufkrafttechnisch“ ‘n ganz anderer, um nicht zu sagen ’n ziemlich harter Wind entgegen); durchaus freundliche Leute und mehrheitlich rücksichtsvolle Verkehrsteilnehmer. Uns wurde kein einziges Mal Wodka offeriert – Schwarztee leistet „völkerverbindungstechnisch“ ebenso gute Dienste. Die russischen Polizisten waren absolut nicht an uns interessiert; dementsprechend war auch „Bakshish“ kein Thema. Wir haben viele hilfsbereite und liebe Menschen getroffen, welche uns mit einer Engelsgeduld begegnet sind, obwohl wir uns praktisch nur mit Händen und Füssen verständigen konnten. Doch eines trifft voll und ganz zu: Auch die Russen haben das Lächeln nicht erfunden!

 

Almaty von Schneebergen umgeben.
Almaty von Schneebergen umgeben.

Im schönen, von schneebedeckten Bergen umgebenen Almaty (Kasachstan) bereiten wir uns auf einen grösseren Wechsel in unserem Radleralltag vor: Kurz hinter der Stadtgrenze tauschen wir für längere Zeit Teerstrasse gegen Offroadpiste ein; die Zivilisation lassen wir definitiv hinter uns und erreichen endlich den Tien Shan Gebirgszug! Den mitgeführten Lebensmittelvorrat stocken wir aufgrund unserer Routenwahl von 2 auf 6 Tage auf. Unseren Wasserfilter werden wir nun wohl täglich in Gebrauch nehmen. Yeah! Die ersten 3'000 Meter hohen Pässe warten auf uns! Du glaubst gar nicht, wie riesig unsere Vorfreude auf diesen Teil unserer Reise ist! Dass uns das Glück weiterhin wohlgesinnt zu sein scheint, zeigt die Tatsache, dass der von uns angepeilte Grenzübergang Kasachstan - Kirgistan erst gerade am 6. Juni wieder geöffnet wurde, nachdem die Kasachen diesen 2010 aufgrund politischer Unruhen in Kirgisistan abgeriegelt hatten.

 

Wie uns die Umstellung gelingt und wie gut es uns im Zentralen Tien Shan Gebirge gefällt, erfährt ihr in unserem nächsten Reisebericht.

 

Die 4. Etappe bis Almaty (Kasachstan) in Bildern: