Do

31

Okt

2013

#11

Alles hat ein Ende ... leider auch unser "Radreisli". Hier der letzte Bericht "Grosses Finale ... pünktlich zur Rush Hour in Hong Kong".

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Di

08

Okt

2013

#10

Und endlich gibt's wieder was auf die Augen: "Goldener Herbst ... mit kleineren Turbulenzen" ist voraussichtlich unser zweitletzter Bericht. Ja, Hong Kong und damit das Ende unseres Radabenteuers rückt unaufhaltsam näher. Wir geben weiterhin Vollgas!

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Di

17

Sep

2013

#9

Für einmal lassen wir Dich nicht all zu lange zappeln! Hier bereits der nächste Reisebericht von den glücklichen China-Stramplern: "Buntes Osttibet ... wird umgekrempelt." 

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Melitopol (Ukraine), 29. Mai 2013

Schwarzmeerpiraten & andere besoffene Genossen

Der Ausdruck „Hardcore-Optimisten“ passt ziemlich gut zu uns. Vieles sehen wir bewusst durch die rosarot getönte Brille. Ohne eine positive Grundeinstellung könnte man eine solche Reise vermutlich nicht unter die Räder nehmen. Wie und wo wir für unseren Optimismus in den letzten drei Wochen überall belohnt wurden, erfährst Du in unserem Reisebericht Teil 3.


Frisch geteert: rollt hammermässig!
Frisch geteert: rollt hammermässig!

Lediglich einen Radtag nach Ruse erreichen wir die bulgarisch-rumänische Grenze. Obwohl weder Bulgarien noch Rumänien im Schengenraum sind, interessiert sich am Zoll nicht wirklich jemand für uns und unsere ID. Uns soll’s recht sein und so radeln wir entspannt weiter entlang einer frisch geteerten Strasse. Schilder weisen auf den grosszügigen Spender hin: Die Europäische Union lässt freundlich grüssen.


Symbolisch für den rostigen Dacia-Kübel.
Symbolisch für den rostigen Dacia-Kübel.

Wie sagt man so schön: Wer eine Reise tut, der hat was zu erzählen. Dem stimmen wir voll und ganz zu, erleben wir unterwegs doch die unmöglichsten Dinge, über welche wir noch Tage danach lachen können. So zum Beispiel die Geschichte mit dem besoffenen Rumänen: Torkelnderweise schleppt sich unser Protagonist aus der Bar, um seiner Blase etwas Linderung zu verschaffen. Wie gerufen steht da ein alter Dacia (DER rumänische Volkswagen schlechthin), welchen er ohne zu zögern als „Pinkel-Bäumchen“ missbraucht. Die Blase muss wirklich randvoll gewesen sein, so „putzt“ er - schwankenderweise - mit seinem nicht abreissen wollenden Strahl im Nu die ganze Heckpartie des rostigen Kübels. Wir beginnen darüber zu sinnieren, dass er den Besitzer des Autos wirklich hassen muss - sonst würde man doch so ‘was Ekliges nicht veranstalten. Aber oha: Falsch gedacht! Kaum hat er den Hosenstall wieder zu, macht er die Fahrertüre auf und klemmt sich mühsam hinters Steuer des "frisch gewaschenen" Autos. Als der Wagen zögernd anspringt, haben wir die Gewissheit: Das war seine Karre, die er da gerade so genüsslich "gekärchert" hat!?! Da sagen wir nur: „Prost“ und zwar auf Rumänisch (mehr zur Zweideutigkeit dieses Wortes später)!


Der Bauer flucht - die Lobby frohlockt.
Der Bauer flucht - die Lobby frohlockt.

Irritiert von diesem Zwischenfall radeln wir aus dem Dorf heraus, um uns ein gemütliches „Picknickplätzchen“ zu suchen. Dieses finden wir zwischen diversen Strommasten am Ufer der Donau. Während Anita liebevoll ihre legendären Monster-Sandwiches zusammenschustert, schweift Andreas‘ Blick zu den vielen Möwen, welche sich auf den Hochspannungsleitungen tummeln. Plötzlich zerreist ein ohrenbetäubend lauter Knall die friedliche Stimmung! Anita rutscht das Herz beinahe in die Hosen: „Wow, hat da gerade jemand geschossen?“ Andreas kriegt sich vor lauter Lachen kaum mehr ein und klärt Anita auf: Beim Rumturnen auf dem Strommasten bekam 'ne Möwe Nachhilfeunterricht in „angewandter“ Physik. Irgendwie ist es der Möwe gelungen, Kontakt zwischen der Leitung und dem geerdeten Masten herzustellen. Bereits im nächsten Augenblick gab‘s einen Lichtbogen, einen gewaltigen Knall und kinoreife Raucheffekte.

… damit sind wir wohl gerade hinter das Geheimnis gekommen, wie Krähen entstanden sein müssen!?! Oder gab’s Krähen schon vor dem Strom? ;)


Eine der grössten EU-Windkraftanlagen.
Eine der grössten EU-Windkraftanlagen.

Wir müssen gestehen: So viel „Action“ an einem Tag ist dann doch nicht der Normalfall. Ganz im Gegenteil: Der Radleralltag kann mitunter sehr eintönig sein. So zum Beispiel, wenn wir bei massivem Gegenwind im Schneckentempo durch die nie enden wollenden Landwirtschaftsgebiete Rumäniens radeln. Da ist definitiv Zweckoptimismus und kreative Motivierungskunst gefragt. Was diesbezüglich ganz gut funktioniert, ist die Aussicht auf ’n leckeres Glace: Das erste zum „Znüni“, das zweite zum Dessert nach dem Mittagessen und das Dritte zum „Zvieri“. :-) In Rumänien klappt's mit dieser Methode ganz ordentlich: Ca. alle 20 Kilometer radeln wir durch kleinere Dörfer, in denen sich immer ein spartanisch ausgerüsteter „Tante-Emma-Laden“ mit Tiefkühltruhe finden lässt. Ganz anders sieht’s versorgungstechnisch dann aber in der Ukraine aus. Im Unterschied zu Rumänien führen hier praktische alle Strassen in grossen Bögen um – und nicht durch – die Dörfer. Vom Hunger bzw. „Glace-Gluscht“ getrieben, machen wir also des Öfteren mal einen Abstecher, um dann mit Erstaunen festzustellen, dass keinem von den hier ansässigen Selbstversorgern die Idee gekommen ist, uns nach Abkühlung lechzenden Touristen Glace oder Bier zu verkaufen. „… aber bestimmt gibt’s im nächsten Dorf ein Geschäft – immer schön positiv denken!“, womit wir uns für die nächsten paar Radkilometer wieder aufrappeln.


Die italienische Filmcrew beim Einladen.
Die italienische Filmcrew beim Einladen.

Auf unserer Reise setzen wir uns diverse Zwischenziele, um unser fern-östliches Hauptziel möglichst nicht aus den Augen zu verlieren. Das Donaudelta ist ein solches: Nach 2850 Flusskilometer weitet sich die Donau bis zur Mündung im Schwarzen Meer zu einem riesigen Flussdelta mit drei Hauptströmen und unzähligen Seitenarmen und -seen. Es war für uns immer klar, dass wir für den Besuch dieses Natur-/Vogelparadieses unsere Räder mal auf „Standby“ stellen und auf ein kleines Boot umsteigen … So machen wir uns in Tulcea (Tultscha ausgesprochen) auf die Suche nach einer kleinen Gruppe, welche die Kosten dieses Spasses mit uns teilt. In der Nebensaison und so ganz spontan eine kleine Herkulesaufgabe, wie wir feststellen müssen! Doch wie war das: Wir sind ja Optimisten! Nach längerer Sucherei erbarmt sich dann tatsächlich eine italienische Filmcrew unser. Einmal mehr wurde unsere Beharrlichkeit und Zuversicht belohnt.


Frühstück auf rumänisch - Noroc!
Frühstück auf rumänisch - Noroc!

Mit geschätzter 600 Kilogramm schwerer Filmausrüstung an Board starten wir am nächsten Morgen um 5:15 Uhr. Der wunderschöne Sonnenaufgang verspricht einen unvergesslichen Bilderbuchtag – so wie in den letzten 30 Tage … Doch leider nein: Bereits beim Frühstück beginnt es zu regnen. Für uns kein Problem, denn die Flusslandschaft ist auch bei Regen sehr abwechslungsreich und mystisch. Die Filmcrew jedoch kann mit dem teilweise kräftigen Regen und den suboptimalen Lichtverhältnissen überhaupt nichts anfangen. Zum Glück öffnet sich am Nachmittag für knappe zwei Stunden der Himmel. So dürfen wir doch noch miterleben, was es heisst, einen Film oder eben einzelne Sequenzen zu produzieren: Klappe, die Erste!, Klappe, die Zweite!, Klappe, die Dritte! … Wir sind gespannt, wie der Imagefilm für das rumänische Bio-Landwirtschaftslabel schlussendlich daher kommen wird.

Was wir übrigens heute beim Frühstück :-) noch gelernt haben: Proste beim Biertrinken niemals einem Rumänen zu – du nennst ihn dann Dummkopf! („prost“ auf Rumänisch = Dummkopf; „Noroc“ auf Rumänisch = zum Wohle oder eben Prost auf Deutsch).

 

Mit Miro's Filmcrew im Donau-Delta:

Abendstimmung über Tulcea (vom Hotelbalkon).
Abendstimmung über Tulcea (vom Hotelbalkon).

Nicht nur wegen des Donaudeltas ist Tulcea für uns ein besonderer Ort, von welchem wir schon seit einiger Zeit sprechen. Hier sollen auch die Würfel betreffend unserem China-Visa-Experiment fallen: Die chinesische Visumsbestimmungen sehen vor, dass das Visum erst drei Monate vor Einreise beantragt werden kann. Da in Almaty (Kasachstan) kaum ein chinesisches Visum zu ergattern ist und auch Bishkek (Kirgistan) gemäss diverser Internetforen nicht der optimale Ort dazu ist, haben wir unsere Pässe samt vorausgefüllten Anträgen kurzerhand zu Hause gelassen. Unsere engagierten Eltern haben uns dann das Visum genau 90 Tage vor geplanter Einreise und 180 Tage vor geplanter Ausreise beantragt und die Pässe via DHL nach Rumänien geschickt. Obschon wir von einigen Leuten für dieses vermeintlich „waghalsige Vorgehen“ belächelt wurden, glaubten wir bis zuletzt fest daran, dass dies die cleverste Variante ist – und dass es einfach klappen MUSS. Zugegebenermassen lagen unsere Nerven in doppelter Hinsicht blank: Würden wir überhaupt ein passendes Visum bekommen und, wenn ja, schaffen’s dann unsere Pässe auch bis nach Rumänien?!? Nun ist es also offiziell: Visummässig haben wir genau, was wir brauchen und die Pässe sind auf den Tag (beinahe auf die Stunde) genau ausgeliefert worden! … das war Teamarbeit vom Feinsten. Viel Zeit zum Freuen bleibt uns jedoch nicht vergönnt: Just an jenem Abend legt‘s uns beide nämlich flach. Ob‘s die „Pass-Nervosität“, verdorbenes Essen oder einfach 'n lapidarer Sonnenstich war, wissen wir bis heute nicht. … auch so was gehört zu 'ner Reise – aber auch so was geht wieder vorbei.


Typisches ukrainisches Haus.
Typisches ukrainisches Haus.

Die Donau stellt wie so oft die Grenze zwischen zwei Ländern dar: In Tulcea zwischen Rumänien und der Ukraine. Izmail, unser erstes ukrainisches Etappenziel liegt luftlinienmässig lediglich 15 Kilometer weiter nördlich von Tulcea entfernt – wäre also praktisch zum Greifen nahe. Wäre! Bereits Anita‘s Internetrecherche in der Schweiz liess wenig Hoffnung: Per Boot wäre es zwar möglich nach Izmail zu gelangen, doch die Kosten für diese Abkürzung wären exorbitant hoch! EUR 120.00 für das Boot und USD 350.00 für die Einreise in die Ukraine … Da wir nicht unser gesamtes durchschnittliches Wochenbudget an einem Tag verprassen wollen, bleibt uns also nichts anderes übrig, als den „kleinen“ Umweg von 170 Kilometern via Galati, Giurgiulesti (Moldawien) und Reni (Ukraine) zu nehmen. Immerhin lohnt sich dies landschaftlich: So dürfen wir zum Abschied von der lieb gewonnenen Donau nochmals entlang der schilf- und blumenbewachsenen Sumpflandschaft radeln und den Fröschen, Vögeln und singenden Sportfischern lauschen. Während es in Rumänien angenehm hügelig ist, ist es in der Ukraine flach bei teilweise grenzwertiger Strassenqualität. Tja, hier ist das EU-Strassen-Sponsoring definitiv noch nicht angekommen. Uns stört‘s wenig – im Gegenteil: Die ukrainische Regierung leistet mit den schlechten Strassen (vermutlich ungewollt) den grössten Beitrag an den Umweltschutz: Die Schwarzmeerküste und die Landschaft zwischen Izmail und kurz vor Odessa sind wunderschön. Deplatzierte Hotelkomplexe (Stichwort Iberische Halbinsel), überdimensionierte Ferienanlagen und stinkenden Autoverkehr sucht man hier vergebens. Stattdessen dürfen wir während 250 Kilometern durch ländliche Gegenden und Dorfidylle radeln. Es scheint als seien die Menschen hier grösstenteils wirklich noch Selbstversorger. Genau solche Radstrecken sind es, die wir suchen und die uns besonders Spass bereiten – auch wenn‘s zwischendurch mal staubig, holprig oder matschig wird. :-)


Gemütliche Runde - wir verstehen nix mehr.
Gemütliche Runde - wir verstehen nix mehr.

Mit dem Erreichen der Ukraine hat uns die Sprachbarriere dann voll und ganz im Griff: Als sprachlich eher mittelmässig begabte Menschen hadern wir noch ziemlich mit dem kyrillischen Alphabet. Da leider kaum Englisch gesprochen wird, ist unser „ohne-Wörter-Buch“ täglich in Gebrauch. Anfänglich fiel es uns sehr schwer, den – sagen wir mal – kritischen Blick (Anita nennt ihn auch „Mutschni-Blick“), welchen uns die Ukrainer zuwerfen, zu deuten. Er wirkt auf uns teilweise fast etwas beängstigend – obwohl wir ihn ja schon von den Rumänen gewohnt sind. Da wir uns nicht verständigen können, fehlt uns das Gesprochene, um einzuschätzen, ob wir nun Willkommen sind oder ob sie uns doofe Touristen auf den Mond wünschen. Dass es sich aber auch bei den Ukrainern grösstenteils um ganz flotte Zeitgenossen handelt, davon können wir uns bei diversen Begegnungen überzeugen: So zum Beispiel als wir etwas vom Kurs abgekommen sind und in den staubigen Dorfgassen herumirren, treffen wir auf eine „mittelalterliche“ Einwohnerin, die uns den Weg Richtung Odessa weist. Nach kurzem unverständlichem Small-Talk wünscht sie uns alles Gute und bekreuzigt sich für uns: „Mama Mia Odessa!?!“ … wenn die wüsste, dass wir nach Hong Kong wollen!

Kurz vor Kiliya treffen wir dann auf Roman, welcher mit seinem super City-Bike und bis an die Zähne mit Reflektoren und anderem überflüssigem „Velo-Schnick-Schnack“ bewaffnet (sogar das Rücklicht blinkte noch) auf einer Sonntagsausfahrt ist. Er bestätigt uns, dass die in Google Earth gesehene Strasse tatsächlich existiert. Abends mailt er uns sogar noch detaillierte Karten – welche wir mangels Internetzugang leider erst Tage danach sehen … Witzigerweise treffen wir zwischenzeitlich – wie gerufen – auf zwei Radler aus Kiev, welche uns kurzerhand ihren ukrainischen Strassenatlas schenken und somit unseren Kartennotstand (seit Tagen sind wir schon auf der Suche ...) beenden. Wir tanzen vor Freude. Die Ukrainer lachen mit uns.


Könnte unsereins zweideutig verstehen.
Könnte unsereins zweideutig verstehen.

Wie’s zum Kartennotstand gekommen ist: Von Zentraleuropa her sind wir uns gewohnt, dass spätestens in Grenznähe Kartenmaterial vom Nachbarland zu bekommen ist. So war unser Plan, in der 230‘000 Einwohner starken Grenzstadt Galati einen ukrainischen Strassenatlas zu kaufen. Doch leider nein: Ein solcher lässt sich in Rumänien partout nicht finden...?!? Etwas später, beim erfolglosen Versuch, in der ukrainischen Grenzstadt Reni, unsere letzten rumänischen Lei in ukrainische Griwna zu wechseln, klärt uns ein Einheimischer über das angespannte Verhältnis der beiden Länder und die frostige „Nachbarschafts-Liebe“ auf: Bis 1996 erhob Rumänien Anspruch auf einen Teil der Ukraine (wie auch auf Teile Moldawiens) und akzeptierte die Grenzen zu Moldawien und zur Ukraine nicht. Erst 1997 konnte ein Grundlagenvertrag unterzeichnet werden, mit welchem der Grenzstreit „beendet“ wurde. Trotz dieses Vertrages unterwandert Rumänien anscheinend indirekt diese Vereinbarung, indem sie Ukrainer die rumänische Staatsbürgerschaft „nachschmeissen“. Es muss lediglich ein Dokument vorgelegt werden, welches bescheinigt, dass die Vorfahren auf dem Gebiet, welches vor dem Jahr 1941 zu Rumänien gehörte, geboren wurden. Die rumänischen Politiker gelangen so an neue treue Wähler – die „anspruchsberechtigten“ Ukrainer in die Gunst einer EU-Bürgerschaft, mit sämtlichen Annehmlichkeiten! Dass diese „expansive Passverteilerei“ bei der ukrainischen Öffentlichkeit nicht sonderlich gut ankommt, leuchtet ein. Ganz im Gegenteil, sogar: Die Ukrainer hegen einen gewissen Groll auf ihr Nachbarland und lassen wirklich kein gutes Haar an den Rumänen. So bekommen wir von mehreren Ukrainern dann auch zu hören, dass Rumänien ein „sehr gefährliches“ Pflaster sei. Nicht sonderlich erstaunlich, dass uns dies die Rumänen übrigens auch über die Ukraine erzählten … Wie dem auch sei: Für uns bedeutet dies, dass wir die letzten rumänischen Lei wohl erst wieder in der Schweiz los werden und den ukrainischen Strassenatlas über Umwege organisieren müssen, was uns Optimisten ja dann auch sehr gut gelungen ist.


Luxusartikel und Nobelkarossen: Odessa.
Luxusartikel und Nobelkarossen: Odessa.

Odessa erreichen wir via den Strand Arcadia, welcher als die Partymeile Osteuropas gilt. Wir sind froh, dass noch nicht Hauptsaison und erst Vormittag ist: Hier muss es abgehen wie Lloret de Mar, Mallorca und Spring Break zusammen. Die Tanzhöhlen, Striplokale und Saufclubs sind hier aufgefädelt wie Fleischstücke an einem Schaschlik-Spiess. Nicht wirklich das, nachdem wir uns sehnen. Obwohl Odessa im Grunde eine sehr schöne Stadt und durchaus einen Besuch wert ist, fühlen wir uns nicht ganz wohl: Dass man sich hier über möglichst extravagantes Aussehen und kostspielige Autos definiert, spüren wir an allen Ecken und Enden.

Den absoluten Tiefpunkt stellt die Spuckattacke zweier kahlgeschorener vollgefressener „Mutschnis“ in einem Mercedes Offroader dar. Diese Geschichte gehört dann wohl definitiv in die Schublade „vergessen und abhaken“. So machen wir uns dann zielstrebig auf Richtung Hafen: Ein Schiff nach Sevastopol, Krim, muss her! Auch nach unzähligen „Niets“ geben wir nicht auf und finden tatsächlich eine Person, die in rudimentärstem Englisch behauptet, Tickets für ein Schiff nach Sevastopol zu verkaufen. Der Blick auf den Fahrplan zeigt: Nächste Abfahrt am 22. Mai oder sonst erst wieder am 11. Juni. Genial: heute ist der 21. Mai und morgen fährt das Schiff?! Wir können unser Glück kaum fassen und kaufen die Tickets für die 19 stündige Fahrt ohne wirklich zu wissen, worauf wir uns diesmal wieder einlassen. Auf die Frage, ob es dann ein Bett zum Schlafen gäbe, lächelt er. Was das wohl zu bedeuten hat? … kommt bestimmt gut!


Beim "Boarden" des Altersheim-Schiffes.
Beim "Boarden" des Altersheim-Schiffes.

Am nächsten Tag machen wir uns auf die Suche nach unserem Schiff, welches wir schnell finden: Die „Dnjepr-Prinzessin“ stellt sich als Kreuzfahrtschiff heraus, welches in 11 Tagen von Odessa via die Halbinsel Krim nach Kiev fährt (für Liebhaber von Schiffsreisen: Diese Reise klingt sehr interessant!). Das „schwimmende Altersheim“ – Durchschnittsalter der französischen, holländischen und englischen Passagiere liegt schätzungsweise bei 70 Jahren, der älteste Passagier soll sogar über 90-jährig sein … – bietet wirklich alles, was das Herz begehrt: Eine hervorragende Bordküche, Zweier-Kabinen inkl. WC / Dusche und sogar einen Coiffeursalon, wo sich Andreas wieder einmal die Mähne bändigen lässt … Die Friseurin leistet trotz massivem Wellengang ganze Arbeit! Die hätte nicht ‘mal ein Erdbeben aus der Ruhe bringen können. Wir sind sprachlos!

Am Abend haben wir beide vor lauter Glücksgefühlen Mühe einzuschlafen. Uns ist wieder einmal so richtig bewusst, was für ein grosses Privileg wir haben, diese Reise unternehmen zu können. Bis jetzt haben wir jeden Tag genossen und unglaublich viele schöne und spannende Momente erleben dürfen. Als Optimisten hoffen wir natürlich, dass dies so weitergeht … Positiv denken ist unser Schlüssel!


Küstenstreifen zwischen Sevastopol und Yalta.
Küstenstreifen zwischen Sevastopol und Yalta.

Die landschaftlich wunderschöne Krim – von den einheimischen auch als „Perle der Ukraine“ bezeichnet –  erwartet uns mit rekordverdächtiger Hitze. Ironisch: Via SMS werden wir bei morgendlichen 32 Grad im Schatten über den harzigen Frühlingsstart in der Schweiz informiert. Der Schnee sei wieder in Sichtnähe ... Wir haben definitiv Mitleid mit euch! Aber, hey Leute: Versucht‘s mal mit positiv denken, dann kommt der Sommer auch in die Schweiz. ;-) Nun wieder ernsthaft: Die Krim ist eine Halbinsel und autonome Republik innerhalb der Ukraine, wobei die Bevölkerung mehrheitlich russischer Abstammung ist. Insbesondere die Orte Jalta, Hursuf, Alushta, Bachtschyssaraj, Feodossija und Sudak gehören für die Ukrainer und Russen zu den wichtigsten Ferienorten. Viele hohe Politiker und Beamte haben hier ihre Sommerresidenzen. So sind wir beispielsweise an Wiktor Janukowytsch‘ Ferienvilla vorbeigeradelt. … das erklärt dann wohl auch die hervorragende Strassenqualität. :-)


Endlich mal raus aus den Veloschuhen.
Endlich mal raus aus den Veloschuhen.

Von der Ferienatmosphäre lassen wir uns anstecken und beschliessen, einen Strandtag in Alushta einzulegen. Hier laufen zurzeit die Vorbereitung auf die kommende Hauptsaison auf Hochtouren. Es ist spannend zu zusehen, was hier alles zusammenimprovisiert wird: Da bleibt wirklich nichts anderes übrig als positiv zu denken, dass dieses Gebastel den Sommer übersteht! Was für einen Gegensatz zu unseren Eindrücken der ersten 5 Tagen in der Ukraine, wo alles wie im Dornröschenschlaf wirkte! So sehnen wir uns nach dem Ruhetag im Luxus wieder nach Natur, Ruhe und authentischem Dorfleben. Auf unserer Krimkarte suchen wir nach der kleinst möglichen Strasse und hoffen, dass diese mit unseren Tourenfahrräder befahrbar ist. Und siehe da: Bereits wenige Kilometer ausserhalb der Touristenmekkas erfüllen sich unsere Wünsche! Wir lernen die Krim von ihrer schönsten – wenn auch bergigen – Seite kennen. Hier dürfen wir auch wieder schöne und spannende Begegnungen mit Einheimischen erleben und fühlen uns willkommen. Zudem ist gerade Erntezeit unserer Lieblingsfrüchte: Erdbeeren und Kirschen. Damit gesellen sich zu unseren obligatorischen Glace- nun auch Früchtestopps: Alle paar Kilometer gibt es „Schrebergärten“ an denen die süssen Köstlichkeiten frisch geerntet gekauft werden können. Beim Preis von CHF 1.20 pro Kilo freut sich auch unser Portemonnaie. :-) 

 

Browni erneut auf dem "Operationstisch".
Browni erneut auf dem "Operationstisch".

Übrigens gibt's noch einen Materialschadenstatistik-Update: Mittlerweile steht‘s leider 2 zu 0 für Anita. Browni (Anita’s Velo) musste nochmals in die Notfallaufnahme; auch die rechte Gepäckträgerhalterung ist aufgrund von Materialermüdung weggebröselt und musste geschweisst werden. Uns Glückspilzen passiert dieses Malheur natürlich kurz vor einer Autowerkstätte, wo der gewiefte Wladimir und sein Kumpel Dimitri auf uns gewartet haben müssen. Somit ist das Länderduell Ukraine gegen Serbien lanciert! Mal gucken, welche Schweissstelle länger hält … Zackiger waren die beiden ukrainischen Autobastler allemal; auch ihr Schweissgerät sah um einiges abenteuerlicher aus, wie jenes von Milan und Dragan.


Nach Gewitter: Regenbogen zur Belohnung.
Nach Gewitter: Regenbogen zur Belohnung.

Langsam gilt es ernst: Nur noch zwei Radtage trennen uns von der russischen Grenze. Ein gewisser Respekt vor diesem Reiseland besteht durchaus. Die Agentur, welche unsere Russlandvisa besorgt hat, wies uns freundlicherweise noch darauf hin, dass man sich als Individual-Velo-Tourist stets in halb illegalen Rahmen bewegt. Der russischen Radtouristikclubs relativierte diese Bemerkung jedoch: „Don't try to follow all russian law.“ Sehr gut, dann ist ja alles klar – wir kennen das Gesetz ja sowieso nicht ... und sich nicht verständigen können, hat zwischendurch auch sein gutes. :-) Vorsorglich setzen wir uns auf jeden Fall mal wieder unsere rosaroten Brillen auf und vertrauen auf unsere Erfahrung: Es wird immer heisser gekocht als gegessen! 

 

Wie’s uns in Russland gefällt, erfährt ihr in unserem nächsten Reisebericht.


Die 3. Etappe bis Melitopol (Ukraine) in Bildern: