Do

31

Okt

2013

#11

Alles hat ein Ende ... leider auch unser "Radreisli". Hier der letzte Bericht "Grosses Finale ... pünktlich zur Rush Hour in Hong Kong".

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Di

08

Okt

2013

#10

Und endlich gibt's wieder was auf die Augen: "Goldener Herbst ... mit kleineren Turbulenzen" ist voraussichtlich unser zweitletzter Bericht. Ja, Hong Kong und damit das Ende unseres Radabenteuers rückt unaufhaltsam näher. Wir geben weiterhin Vollgas!

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Di

17

Sep

2013

#9

Für einmal lassen wir Dich nicht all zu lange zappeln! Hier bereits der nächste Reisebericht von den glücklichen China-Stramplern: "Buntes Osttibet ... wird umgekrempelt." 

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Sandu (China), 08. Oktober 2013

Goldener Herbst ... mit kleineren Turbulenzen

Dank eines funktionierenden Bankomaten in Lijiang können wir den uns drohenden finanziellen Kollaps in letzter Sekunde nochmals abwenden. Unser Radabenteuer kann also, ohne die offerierten Knast-Notschlafstellen in Anspruch zu nehmen, weitergehen. ... wobei: Beinahe hätte es uns doch noch erwischt. Wo und wann wir das chinesische Verkehrsgesetz etwas gar arg strapaziert haben, erfährst Du in unserem Reisebericht Teil 10.

 

Chinesisch angehauchtes Kloster.
Chinesisch angehauchtes Kloster.

Osttibet ist für uns ein ganz spezieller Flecken auf dieser Erde und so fällt uns der Abschied nicht ganz einfach: Wir wissen bereits jetzt, dass wir die dünne klare Luft, die freundlichen Tibeter, die mit Gebetsfahnen geschmückten Passhöhen, die Klöster und vieles mehr schwer vermissen werden. Wir trösten uns jedoch mit dem Gedanken daran, bestimmt wieder einmal hierher zurückzukehren. … mit einem Tränchen im Auge schwingen wir uns in Deqin auf unsere Räder und brettern „todesmutig“ die über 1000 Höhenmeter runter zum Mekong. Bye bye Tibet!

 

Morgenstimmung am Mekong.
Morgenstimmung am Mekong.

Im Vergleich zum (in dieser Region noch) parallel verlaufenden Jangtse ist der Mekong, der hier Langcan heisst, weniger mächtig. Das Mekongtal ist etwas breiter und mit wunderschönen Dörfern gespickt. Hier kommen wir auch an einer kleinen „Kuriosität“ vorbei: Einer katholischen Kirche, die französische Missionare 1920 errichtet haben. Heute gibt es wieder einen katholischen Priester, der jeden Sonntag die Messe liest. … bestimmt hat‘s die Kirchenmänner einst aus denselben Gründen wie uns hierher verschlagen – die unverwechselbare Landschaft und das leckere Essen sind wirklich spitzenklasse. :-) Apropos Essen: Tibet „auf Wiedersehen“ zu sagen, hat immerhin kulinarisch ’was Positives: Wir haben damit nämlich die „Nudelregion“ verlassen und das „Reisgebiet“ erreicht. Auch hier in diesen Breitengraden kehrt langsam aber sicher der Herbst ein, was gleichbedeutend mit der Erntezeit ist. Fleissig pflücken die Einheimischen pralle Maiskolben, die sie anschliessend zu grossen Zöpfen zusammenflechten und zum Trocknen aufhängen. Besonders wichtig ist jedoch die Reisernte: Beim Ausklopfen der Reisgarben darf kein Körnchen danebengehen; schliesslich soll der Reisvorrat ja für die ganze kommende Saison reichen. Wir staunen „Bauklötzchen“, welch grosse Flächen hier nach wie vor noch von Hand bewirtschaftet werden – diesbezüglich hat sich im Vergleich zu unserer früheren Reise also nichts verändert: Schweiss- und schwielentreibende „Idylle“ soweit das Auge reicht!

 

Ideales Radlerterrain: Beinahe verkehrsfreie flache Strasse dem Mekong entlang.
Ideales Radlerterrain: Beinahe verkehrsfreie flache Strasse dem Mekong entlang.

… das entbehrungsreiche Bauernleben wird jedoch jäh „ds‘underobsi“ geworfen: Knapp 100 km nördlich von Weixi klaffen beidseits des Mekongs riesige Löcher in den Bergflanken – hier wird ein grosser Staudamm aus dem Boden gestampft. Man würde meinen, wir hätten uns mittlerweile an die chinesische Art zu bauen gewöhnt. Doch dem ist nicht so: Die Chinesen überraschen uns immer wieder auf‘s Neue! Klar stehen praktisch auf jeder Baustelle einige Maschinen rum; trotzdem wird man den Eindruck nicht los, dass nach wie vor vieles noch von Hand zusammengeschustert, rumgetragen oder zerklopft wird. Dabei geizen die wie Ameisen rumwuselnden Arbeiter nicht mit haarsträubenden Akrobatikeinlagen, die uns regelmässig das Blut in den Adern gefrieren lassen. Wir sind uns einig: Gäb’s hier ’ne SUVA, müsste wohl jede zweite Baustelle augenblicklich geschlossen werden. :-) Dass China mit dieser – auf den ersten Blick – eher ineffizienten Bauweise trotzdem erstaunlich rasant voran kommt ist dem Umstand zu verdanken, dass vieles mit der grossen Anzahl Arbeitenden und durch die klassische „Non-Stop-Bauerei“ (d. h. auch samstags und sonntags) kompensiert werden kann.

 

Ein weiterer Staudamm entsteht:

Unverfälschtes Dorfleben mit Lǎowài.
Unverfälschtes Dorfleben mit Lǎowài.

Kurz vor Weixi kehren wir dem Mekong wieder den Rücken. Wir wollen über eine Nebenstrasse zurück zum Jangtse. Im Stadtgewühl von Weixi etwas verloren wirkend, fragen wir einen Jeep-Fahrer, welche Strasse denn nach Lijiang führe. Er schickt uns just in jene Richtung zurück, aus der wir gerade gekommen sind. Seine Begründung: Die direkte Strasse, welche wir uns eigentlich ausgesucht haben, sei in einem füüüürchterlichen Zustand und führe über einen gaaaaaanz hohen Pass. „Aussenrum“ sei’s viel gemütlicher und bedeutend schneller, beteuert er uns strahlend. Wir erklären ihm: Was für Autofahrer stimmen mag, gilt nicht für Radreisende. 90 km schlechte Strasse und 1100 hm ziehen wir einem Umweg von 240 km definitiv vor. Zudem sei der Pass von 3‘300 m ü. M. nicht wirklich hoch; immerhin waren wir noch vor wenigen Tagen auf knapp 5‘000 m ü. M. Dennoch hinterlässt seine todernst gemeinte Märchenstunde über die angebliche Horrorstrasse ein etwas mulmiges Gefühl bei uns … „Überschätzen wir unsere Fähigkeiten?“ „Bekommen wir‘s wieder mit üblen Schlammpassagen zu tun?“ Getreu dem Motto „No risk, no fun!“ entscheiden wir uns trotzdem für die Diretissima; schliesslich lassen wir uns ja nicht beirren. Schnell merken wir denn auch, dass alle Nervosität völlig unbegründet war: Wir finden uns auf einem einsamen, wunderschönen Forstweg wieder! Bingo. Die vereinzelten Ortschaften und Weiler entlang dieser Route belohnen uns mit authentischem chinesischem Dorfleben. Von überall werden uns verwunderte, aber freundliche Blicke zugeworfen. Sind wir einmal entdeckt, lässt ihr „Alarmsignal“ nicht lange auf sich warten: „Lǎowài, lǎowài!!!“ *kicherkicher* (Lǎowài bedeutet „Ausländer“ oder „Langnase“). Wir nehmen’s sportlich und rufen zurück „Zhonguaner!“ – unser etwas weit hergeholtes Wort für Chinese. Wir stimmen in das Gejohle ein. … und schon ist das Eis gebrochen.

 

Die erste Flussbiegung des Jangtse bei Shigu.
Die erste Flussbiegung des Jangtse bei Shigu.
Emsiges Treiben an der Wasserstelle.
Emsiges Treiben an der Wasserstelle.

Knapp 40 km vor Lijiang ist es auf einmal vorbei mit der Gemütlichkeit: Der Verkehr nimmt massiv zu – wir befinden uns auf der Hauptstrasse von / nach Shangri-La (2010 besucht), einem Touristenmekka „par excellence“ oder eben „par chinesisch“. Dasselbe Prädikat verdient auch Lijiang, unser nächstes Etappenziel: Jährlich pilgern hier 5 Mio. Besucher(!) durch die künstlich aufgepeppte Altstadt. Obschon der im höchsten Grade kommerziell aufgezogene Stadtteil nicht wirklich das wahre chinesische Leben widerspiegelt, wollen wir hier unbedingt ein weiteres Mal hin. Bereits während unserer Reise 2010 hat uns der spezielle Charme dieses Fleckchens in seinen Bann gezogen. Die verwinkelten Gassen, die kleinen Wassergräben und die handwerklich geschickt gezimmerten Häuser wirken wie ein endloses Labyrinth, wo’s immer wieder Neues zu entdecken gibt. Obschon man meinen könnte, dass hier alles total überlaufen ist, trifft die gute alte 80:20-Regel auch auf den chinesischen Massentourismus zu: Für gewöhnlich halten sich 80 % der Besucher in 20 % der Altstadt auf (vielleicht müsste man sogar eine 99:1-Regel daraus machen, da die zentral gelegenen Gässchen mit ihren zahlreichen Verpflegungsmöglichkeiten vielfach wirklich zum Bersten voll sind – absolut nix für Klaustrophobiker). Und so ist es ein Leichtes, den Menschenmassen auch mal aus dem Weg zu gehen, wenn’s zu viel wird. In Lijiang frönen wir wieder mal ausgedehnt unserer Lieblingsbeschäftigung: „Chinesische Touristen und Einheimische beobachten“! Sei es auf dem grossen Markt, wo sich die lokale Bevölkerung mit frischem Gemüse, Fleisch, Früchten und allerlei anderen undefinierbaren Sachen eindeckt, im Herzen der völlig überlaufenen Altstadt, wo die kaufwütigen und total überdrehten chinesischen Touristen kitschige Souvenirs ergattern oder in den vielen kleinen – weniger besuchten – Seitengässchen, wo tatsächlich noch etwas „normales Leben“ anzutreffen ist. Damit könnten wir echt STUNDEN zubringen! ;-)

 

Lijiang - "Kitsch-City by night":

Nach drei Tagen „Lijiang-Reizüberflutung“ sind wir uns dann aber doch einig: Einen dritten Besuch wird’s ziemlich sicher nicht mehr geben; diese Ecke Chinas haben wir nun definitiv gesehen. Dennoch können wir Lijiang als Reiseziel wärmstens empfehlen – einfach unbedingt auch noch Ortschaften abseits der Touristenströme auf den Radar nehmen, um immerhin auch das wahre China ein wenig kennen zu lernen.

 

"Schwarzes Brett" auf Chinesisch. Alles klar?
"Schwarzes Brett" auf Chinesisch. Alles klar?

Auch nach über 12‘000 km im Velosattel ist der „Gwunder“, was uns um die nächste Kurve oder hinter der nächsten Passhöhe erwartet genau so gross, wie am ersten Tag – vor mehr als sechs Monaten. Wir lieben das Radnomadenleben, geniessen das Unterwegssein und neues Entdecken weiterhin in vollen Zügen. Dass Hong Kong immer näher rückt, haben wir bis heute erfolgreich verdrängt. Wir haben uns im Vorfeld ziemlich ausgiebig mit der Routenführung auseinander gesetzt. Unser vorfabrizierter Plan endet jedoch in Kunming, wo wir uns nun befinden. Den letzten Teil unseres Radabenteuers haben wir bewusst offen gelassen – nicht schon an das Ende denken, wenn man noch bei „Kilometer Null“ steht, war unsere Devise. Jetzt ist aber tatsächlich der Tag gekommen, wo wir zum ersten Mal unsere doppelseitige Chinakarte umdrehen und damit Hong Kong auftaucht. Höchste Eisenbahn also, die letzte Etappe bis dorthin endlich genauer unter die Lupe zu nehmen. Die Routenwahl fällt uns erstaunlich leicht: Wir wollen noch einmal „off the beaten track“ radeln! So schlagen wir also den Lonely Planet China auf und gucken, welche Regionen dort NICHT behandelt werden ... ;-) Genau da wollen wir hin! Ob dies eine gute Wahl ist?

 

Im Drive In eines gefälschten McDonald's.
Im Drive In eines gefälschten McDonald's.

Doch bevor wir wieder in das ländliche China eintauchen dürfen, müssen wir zuerst einmal gut 300 km durch dichter besiedeltes Gebiet nach Xingyi in der Provinz Guizhou radeln. Die ersten paar Kilometer strampeln wir entlang einer zur Autobahn parallel verlaufenden Hauptstrasse. Die eintönige Landschaft wird immer wieder mal durch „schaurig verpennte Bauernnester“ unterbrochen. Die simplen Behausungen sind meist aus roten Ziegelsteinen, die in der Nähe gebrannt werden, zusammengeschustert. Im Erdgeschoss befindet sich eine Art Garage, worin oft ‘n kleiner Laden oder ein Restaurant betrieben wird. Unseren mitgeführten Essensvorrat haben wir denn auch auf das Minimum „abgespeckt“; um Nachschub müssen wir uns in dieser Region keine Sorgen mehr machen. Die von uns befahrene Hauptstrasse ist ausserordentlich kupiert und schmeichelt unseren Allerwertesten mit reichlichen Schlaglöchern. Immer schön in neckischer Sichtweite: Der nahe gelegene Highway verläuft dank Brücken und Tunnels beinahe eben aus!?! ... müde und etwas ausgelutscht von der sinnlosen „Auf-und-Ab-Plackerei“ beschliessen wir kurzerhand, auf die brandneue – praktisch verkehrsfreie – Autobahn zu wechseln, um unser Tagesziel Xingyi auf dem schnellsten Weg zu erreichen. ;-)

 

Immer noch Mühe mit chinesischen Zeichen ...
Immer noch Mühe mit chinesischen Zeichen ...

Während 45 km radeln wir unbehelligt und entspannt auf dem Pannenstreifen, vorbei an drei Mautstationen – niemand kümmert sich um uns. Doch dann erreichen wir die Provinz Guizhou … mit ihrer „spassbremsenden“ Polizei. Bei der ersten Mautstation, 15 km nach der Provinzgrenze, „zupfen“ sie uns dann tatsächlich raus: Zu gefährlich sei es, sind sich die acht um uns versammelten Polizisten einig. Wir erklären ihnen, dass das Leben grundsätzlich „lebensgefährlich“ sei – egal, ob wir jetzt da lang radeln oder nicht. Schnell merken wir jedoch, dass wir hier mit unseren westlichen Lebensweisheiten auf chinesischen Granit erster Güte beissen. Also setzen wir zur zweiten Angriffswelle an, indem wir hochoffiziell und pathetisch verkünden: Wir hätten die Strapazen, mit unseren Rädern extra aus der Schweiz hierher zu fahren, einzig aus dem Grunde auf uns genommen, um ihre nigelnagelneue Autobahn zutesten – sie sollen zur Abwechslung mal ’n Auge zudrücken und mit uns diesen geschichtsträchtigen Augenblick zelebrieren! ;-) ... doch alles Lamentieren nützt nichts: Sie beharren darauf, dass wir die 15 km bis zur letzten Autobahn-Ein-/Ausfahrt zurückradeln. ZURÜCK?!? Kommt nicht in die Tüte: Wir bestehen darauf, die 10 km zur nächsten Ausfahrt weiter kurbeln zu können. Uns leuchtet nicht ein, warum 15 km zurück - weniger gefährlich sein sollen, als 10 km weiterzuspulen!?!

 

Cops beim Beseitigen von Problem-Westlern.
Cops beim Beseitigen von Problem-Westlern.

Beide Parteien haben sich ziemlich in die Sache hineingesteigert; die Situation scheint entsprechend aussichtslos. Allgemeine Ratlosigkeit und ein Hauch von Konsternation machen sich breit. Die erbarmungslos auf unsere Bike-Rüben (Velohelme) brennende Sonne inspiriert uns aber glücklicherweise zu einer weiteren Aktion: Wir wagen einen Fluchtversuch, mit dem Vorwand in den Schatten des Tankstellendachs zu rollen. Doch wir haben die Rechnung ohne den sprintstarken Inspektor gemacht, der uns einholt noch bevor wir richtig durchstarten können. Verflixt und zugenäht!?! ... doch wie so oft auf unserer Reise taucht genau im richtigen Augenblick das passende Puzzleteil auf: Diesmal in Form eines Abschleppwagens. Heureka! Der muss uns jetzt aus der misslichen Lage befreien, denn die Beamten scheinen mit uns ziemlich überfordert. Also „hechten“ wir auf die Autobahn und bringen das Fahrzeug zum Stoppen. Dann geht alles ratzfatz: Die Polizisten verdonnern den Fahrer freundlich, uns mitzunehmen und packen gleich mit an, um die „Problem-Räder“ zu verladen. Wir haben alle Mühe, uns das Lachen zu verkneifen. Die ganze Szene wirkt einfach zu surreal.

Unser bereits prall gefülltes chinesisches Polizeidossier bekommt damit wohl einen weiteren Eintrag. ... wir witzeln, ob die chinesische Behörde uns jemals wieder ins Land lässt!?! Dabei wäre wohl wichtiger, dass wir Ende Oktober zuerst einmal aus China rauskommen. ;-)

 

Blick über Xingyi.
Blick über Xingyi.

Zur Feier dieses unterhaltsamen Tages gönnen wir uns wieder einmal etwas Luxus: Ein 5-Sterne-Hotel … In China ist ein Zimmer in einem solchen „Glitzerkasten“ mit gutem Verhandlungsgeschick schon mal für CHF 55 zu ergattern, was unser Budget locker wegsteckt. Deplatziert kommen wir uns hier nicht vor: In China lässt jeder jeden leben; man ist von Haus aus tolerant und entspannt. Als wir (wie Kamele beladen) Richtung Aufzug „stürcheln“, um in den 23. Stock zu gelangen, trauen wir unseren Augen kaum: Hier gibt’s tatsächlich einen Angestellten, der für nichts anderes zuständig ist, als für’s Liftfahren, bzw. für’s Liftknopfdrücken! Zum Glück haben wir von diesem staatlich ins Leben gerufenen / künstlich geschaffenen Job bereits im Buch „Bliefe von d’Lüben“ gelesen, ansonsten wären wir wohl ziemlich irritiert gewesen ... und hätten aus Unwissenheit gar noch selber den Knopf gedrückt!? So wussten wir aber, dass es sich im Grunde um einen sehr anspruchsvollen Job mit umfassendem Pflichtenheft handelt: „Sicher fahren.“; „Keine Leute ohne Fahrerlaubnis den Fahrstuhl fahren lassen.“; „Nie unter Alkoholeinfluss fahren.“ „Nicht erlaubte Fahrmanöver (damit sind vermutlich Loopings und Korkenzieher gemeint …) unterlassen.“ ... um nur einige der Vorschriften, die der „Fahrstuhlknopfdrücker“ zu befolgen hat, zu nennen. Unglaublich, aber wahr!

 

Reis beim "Sünnala".
Reis beim "Sünnala".

Nach einem Tag „dolce vita“ am Hotelpool, radeln wir weiter Richtung Sandu. Die ersten paar Kilometer hat’s noch ordentlich Verkehr, doch nach Anlong erreichen wir endlich wieder das ländliche China, welches wir so lieben. Auch hier wird fleissig geerntet, was der mühsam bestellte Boden hergibt. Neben Reis wird hier vor allem auch Mais und Tabak angebaut. Das Terrain ist unwirtlich, da ziemlich gebirgig. Kaum ein flacher Flecken. Wir staunen, welch körperlich sehr anspruchsvolle Arbeit die hier ansässigen Miao (chinesische Minderheit; siehe dazu auch Anmerkung am Schluss) täglich auf sich nehmen müssen, um zu überleben. Es scheint, als ob es noch nicht viele Ausländer in diese Region geschafft haben, denn wir werden angestarrt wie Aussätzige. Über die verstörten Blicke und die auf dem Boden aufschlagenden Kinnladen amüsieren wir uns köstlich! Wenn sich die Miao von ihrem ersten „Schock“ erholt haben, folgt auch hier der uns mittlerweile sehr gut bekannte „Lǎowài“-Aufschrei. Aufgrund unserer „Andersartigkeit“ entstehen für uns jedoch auch einige Privilegien: So zum Beispiel in Ceheng, wo die Marktfrau partout die Bezahlung der Pomelo ablehnt; in Wangmo, als ein eigentlich bereits geschlossenes Restaurant extra für uns nochmals aufmacht oder in Luodian, als der Koch die von uns gewünschten Zutaten extra noch auf dem Markt besorgt …

 

Karstlandschaft rückt näher.
Karstlandschaft rückt näher.
Hier wurde schon fleissig geerntet.
Hier wurde schon fleissig geerntet.

Für spannende Gespräche und Unterhaltung ist zurzeit auch gesorgt: Vom 1. bis 7. Oktober haben in China nämlich alle unselbständig Erwerbenden sowie Schüler und Studenten Ferien (sog. Golden Week). Wir treffen daher auf viele Studis, die für sieben Tage aus Peking, Shanghai und all den weiteren Grossstädten in ihre Heimat zurück kommen, um hier ein paar gemütliche Tage mit ihren Eltern zu verbringen. Ein Glück für uns, denn diese junge Generation Chinas spricht hervorragend Englisch. Während wir uns für ihre Studienrichtung und ihr Alltagsleben interessieren, wollen sie zuallererst jeweils von uns wissen, was wir von China halten. Wenn wir dann (das ehrlich gemeinte) „grossartig“ sagen, sind sie stolz und strahlen über beide Ohren. Ein positives Feedback über ihre Heimat aus dem Munde eines Westlers scheint hier richtig grosses Gewicht zu haben.

Unser letztes Zeltplätzchen?
Unser letztes Zeltplätzchen?

Unser Kilometerzähler zeigt 92.54 km, 1‘954 Höhenmeter aufwärts und 1‘583 abwärts. Höchste Zeit also ein Nachtlager zu suchen. Dieses finden wir auf einer kleinen Anhöhe, gut versteckt hinter zwei Hügelzügen. In der Nähe befindet sich zwar ein Haus mit einem Stall, doch es lassen sich keine Spuren im Gras finden, welche zu unserem Plätzchen führen. Alles deutet darauf hin, dass dies wieder einmal ein gemütliches ungestörtes Nachtlager sein wird. …und so ist es dann auch. Wir geniessen unsere Rast ganz bewusst, denn vermutlich wird es unsere letzte chinesische Outdoor-Nacht in unserem „mobilen zu Hause“ sein. Wir nähern uns nämlich immer mehr dem dicht besiedelten Ostchina, wo wir aus Sicherheitsgründen lieber in einem Hotel Unterschlupf suchen. Das Campieren werden wir aber mit Sicherheit vermissen: Genau so, wie wir ab und zu den Luxus eines 5-Sterne-Hotels geniessen, lieben wir auch das Zelten. Es gibt kaum etwas Entspannenderes, als nach einem anstrengenden Radtag – etwas erschöpft aber glücklich – im kuschlig warmen Schlafsack zu liegen und den Geräuschen der Umgebung zu lauschen. Beim Klang der Vögel, Grillen, Zikaden, etc. schlafen wir immer sehr gut; aber vor allem schnell ein. :-)

 

Brücke über den Duliu Fluss.
Brücke über den Duliu Fluss.

In Sandu angekommen, wollen wir gerade in ein Hotel einchecken, als wir von einem Chinesen mittleren Alters angesprochen werden (auf eine genaue Altersschätzung verzichten wir, das ist bei den Chinesen ein unglaublich schwieriges Unterfangen …). Wie sich im Gespräch herausstellt, gehört Jian der chinesischen Minderheit der „Sui“ an, welche in dieser Region zu Hause ist. Der freundliche und hilfsbereite Chinese offeriert uns eine Stadtführung durch seinen Heimatort. Im ersten Moment zögern wir: Nach über acht Stunden im Sattel sehnen wir uns eigentlich nach nichts anderem als einer Dusche, einem leckeren Abendessen und einem – hoffentlich nicht zu harten – Bett. Doch auf der anderen Seite erweist sich das Angebot von einem gut Englisch sprechenden Einheimischen durch die Stadt geführt zu werden, als zu verlockend. Wir überwinden unser Hungergefühl und unsere Müdigkeit, ziehen „frische“ Kleider an und stürzen uns in den „Sandu by night Stadtrundgang“. ... drei Stunden später liegen wir ziemlich erschöpft auf unseren Betten. Erschöpft zum einen, aufgrund des zusätzlich absolvierten Sportprogramms, zum anderen aber auch aufgrund der intensiven „Philosophiererei“ über die chinesische Politik und die Minderheitenproblematik. Doch wir sind uns einig: Es war ein super schöner und eindrücklicher Abend. Danke für deine Offenheit, Jian!

 

Sandu ist für uns ein spezieller Ort, denn hier erreichen wir die S 321, die in Guangzhou beginnt. Die Millionenstadt Guangzhou, welche notabene mehr Einwohner als die ganze Schweiz zählt, wird voraussichtlich unsere letzte Station auf dem chinesischen Festland sein. Hong Kong ist von dort aus am einfachsten per Fähre zu erreichen. Die Kilometersteine entlang der S 321 haben für uns also gleichzeitig eine Art „Countdown“-Funktion, trennen uns doch „nur“ noch 1‘036 km von unserem Ziel! Ein flaues Gefühl macht sich in unserer Magengegend breit. Wir befürchten schwer, dass mit jedem Meilenstein die Wehmut etwas grösser werden wird ... Was wir auf unseren letzten Kilometern noch alles erleben dürfen, erfährst Du in unserem nächsten Reisebericht.

 

Anmerkung Minderheiten China

Die bekannteste Minderheit in China sind vermutlich die Tibeter. Ihre Situation ist ziemlich gut dokumentiert und die Öffentlichkeit ist darüber informiert. Doch neben den Tibetern gibt es noch 54 weitere sogenannte Minoritäten wie bspw. die Uiguren, Mongolen, Hui, Hani, Bai, Miao, Sui, etc. Vielen von ihnen ergeht es ähnlich wie den Tibetern. So sind in unseren Gesprächen mit Angehörigen diverser Minderheiten denn auch immer wieder die gleichen Stichworte gefallen. Vereinfacht liesse sich daraus folgende Problematik zusammenfassen: Staatlich geförderte Zuwanderung von Han-Chinesen bedrängt die Minderheitenkultur. Das nun sichtbare wirtschaftliche Ungleichgewicht führt zu zusätzlicher Frustration. Doch was die Minderheiten oft vergessen: Sie haben auch Vorteile. So zum Beispiel dürfen sie zwei Kinder haben und nicht wie die Han Chinesen nur eines. Ganz speziell finden wir, dass bei der Universitäts-Aufnahmeprüfung anscheinend Schülern von ethnischen Minderheiten 20 Extrapunkte geschenkt werden. Dies soll helfen das Bildungsniveau der Minderheiten zu erhöhen und damit das wirtschaftliche Ungleichgewicht zu verringern. Ein lesenswerter Artikel zu diesem Thema ist „Wenn ein Han mit einer Miao“ in der FAZ.

 

Die 10. Etappe bis Sandu (China) in Bildern: